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Schnelle Wetterwarnung
Wetter-Warner bewegen riesige Datenmengen

Stand der Online-Sturzflutwarnung am 1. Juni 2018, 0.20 Uhr. Wellenlinien warnen vor Überflutungsgefahr, in Orange „mäßig“, in Rot „groß“; beim Klicken auf die „Achtung!“-Symbole öffnen sich Fenster, die zeigen, welche Orte bedroht sind. Gelbe Sternchen stehen für Blitze, Blautöne für Regen – je dunkler, desto mehr. Bei Lila ist es noch nasser.
Stand der Online-Sturzflutwarnung am 1. Juni 2018, 0.20 Uhr. Wellenlinien warnen vor Überflutungsgefahr, in Orange „mäßig“, in Rot „groß“; beim Klicken auf die „Achtung!“-Symbole öffnen sich Fenster, die zeigen, welche Orte bedroht sind. Gelbe Sternchen stehen für Blitze, Blautöne für Regen – je dunkler, desto mehr. Bei Lila ist es noch nasser. FOTO: www.kachelmannwetter.com
Regionalverband. Die Schäden, die die Juni-Unwetter in der Region verursacht haben, sind für die Betroffenen noch längst nicht ausgestanden. Was lässt sich tun, damit sie sich nicht wiederholen? Wetterkundler arbeiten an verbesserten, ortsgenauen Warnsystemen. Sie ent­wickeln dafür komplexe Rechenmodelle, bei denen sie sich auf eine enorme Datenfülle stützen. Von Doris Döpke

Das Unwetter am 1. Juni hat in Kleinblittersdorf und Umgebung verheerende Schäden angerichtet. Keine zwei Wochen später standen Teile des Köllertals unter Wasser. Anfang Juli trat nach eienm heftigen Gewitter, das binnen kürzester Zeit enorme Regenmengen mitbrachte, der Lauterbach kräftig über die Ufer. Und nun hat es mit dem Tief „Fabienne“ auch den Saarbrücker Westen erwischt. Jedenfalls poppte am Nachmittag des 23. September eine Warnung in meinen E-Mails auf: „Überflutungsgefahr Stufe Orange“.


Fünf Kilometer entfernt von meinem abonnierten Ort, hieß es, liege der Mittelpunkt des Warngebiets, in dem in der zurückliegenden Stunde durchschnittlich 25 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen seien, punktuell sogar bis zu 27 Liter. Aber anders als bei den vorigen Ereignissen ging die nasse Drohung rasch vorbei: 17 Minuten nach der Warnung kam bereits die Entwarnung – die Sturzflut-Gefahr bestehe nicht mehr.

Glück gehabt. Pech dabei: Für ein bisschen Wasser, das sich durch einen Lichtschacht in den Keller drückte, hat der Starkregen dennoch gereicht. Doch wäre ich daheim gewesen, als die Warnung kam, dann hätte ich das kritische Fenster abdichten können.



Genau darum – rechtzeitige Warnung, damit Wetter-Extreme möglichst wenig Schaden anrichten –, geht es Jörg Kachelmann, Meteorologe, Online-Kolumnist und Unternehmer in Sachen Wetter. „Es ist mein persönliches Ziel, dass in Deutschland niemand mehr an einem Unwetter stirbt“, sagt er am Telefon. Extremes Wetter komme nie urplötzlich, von jetzt auf sofort. Man könne es mit modernen Mitteln voraussagen. Jedenfalls so weit im Vorfeld, dass den Betroffenen ausreichend Zeit bleibe, sich selbst in Sicherheit zu bringen und wichtige persönliche Dinge zu schützen.

Aus dieser Überzeugung hat Kachelmann praktische Konsequenzen gezogen. Auf seinem Online-Portal www.kachelmannwetter.com findet sich nicht nur ein einzigartiger Riesen-Fundus an historischen Wetterdaten. Man kann dort auch aktuelle Wetter-Verläufe detailliert verfolgen, zum Beispiel via Niederschlagsradar mit automatischen Messungen im Fünf-Minuten-Takt, grafisch so aufbereitet, dass auch Laien verstehen können, was sich gerade tut. Und es gibt Warn-Werkzeuge, die Bedrohungen anzeigen – das fängt bei der Intensität und Zugrichtung von Gewittern an und reicht bis zu Überflutungs-Risiken.

Diese Funktionen, berichtet Kachelmann, seien quasi Nebenprodukte eines Großprojektes, an dem er und sein Firmen-Team gerade arbeiten. „Für das Land Baden-Württemberg gucken wir alle fünf Minuten rund 20 000 Bach-Einzugsgebiete an“, um ein „Vorwarn-Tool“ zu entwickeln, auf das Behörden und Feuerwehren sich im Fall des Falles stützen können. „Fliwas“ heißt es und soll in diesem Jahr fertig werden.

Daten aus dem Regenradar spielen dabei eine wichtige Rolle. Wobei Kachelmanns Team sie „kalibriert“ mit – ziemlich feinmaschig erhobenen – Bodendaten. Zum Beispiel: Wie ist das Gefälle? Wie ist die Landnutzung? Ist der Boden versiegelt oder nicht? Das Modell sei nicht einfach nur quantitativ angelegt, sagt Kachelmann, sondern „multifaktoriell“. Also so, dass es das Zusammenspiel verschiedener Umstände berücksichtigt. Wann der Algorithmus welche Warnung ausgibt, folge deshalb keiner starren Regel.

Für „Sturzflutgefahr“ kennt sein Rechenmodell drei Stufen. Gewarnt werde noch nicht, wenn mal ein bisschen Wasser im Keller drohe; „wenn man zu früh, zu oft und vor allem zu großflächig warnt, nimmt das irgendwann niemand mehr ernst“, sagt der Meteorologe. Es müsse schon Größeres anstehen. So ziehen selbst Überflutungsgefahren, die das System nur als „mäßig“ benennt, nach Feuerwehr-Kriterien keine „kleinen“ Wasserschäden mehr nach sich; legt man Kachelmanns Daten vom Juni neben die Einsatzberichte der Wehren in Kleinblittersdorf, Güdingen, Heusweiler oder Riegelsberg, kann man das gut sehen. „Große“ oder gar „extreme“ Überflutungsgefahr ist also eine sehr ernste Sache.

Und die Vorwarnzeiten? Die lägen bei mindestens 30 Minuten, sagt Kachelmann, „das reicht noch, um das Familienalbum aus dem Keller zu holen“. Manchmal sei die Zeit auch länger, bis zu 300 Minuten. Für eine Katastrophe im Bayerischen, die mehrere Menschenleben kostete – sie geschah, bevor die jetzige Sturzflut-Warnfunktion online war –, hat sein Team die Vorwarnzeiten im Nachhinein berechnet: mehrere Stunden.

In der Nacht zum 1. Juni rückten die Wehren an der Oberen Saar etwa gleichzeitig mit den ersten Website-Warnungen aus, da allerdings zu „kleinen“, nach Kachelmanns Kriterien noch nicht warnwürdigen Ereignissen. Und kurz nach Mitternacht wurde die „mäßige“ Gefahr in Kleinblittersdorf und Güdingen dann heraufgestuft zur „großen“.

Natürlich wird in einer Unwetternacht kaum jemand am PC sitzen, um Klick um Klick die Risiken zu verfolgen. Kachelmanns Team hat auch ein Verfahren entwickelt, das von sich aus warnt. Das gibt es zweifach. Die eine Variante ist eine App fürs Handy, hört auf den Namen „Pflotsh“ und muss bezahlt werden („wir sind ja ein Wirtschaftsunternehmen“, sagt Kachelmann dazu). Die zweite – das ist die, von der ich jüngst hörte – heißt „meteosafe“, nutzt ausschließlich den E-Mail-Weg und ist (bisher) kostenlos. Nach gut zwei Monaten Test kann ich sagen: Sie funktioniert recht verlässlich. Und wenn man sein Abo sinnvoll einstellt – so, dass man nicht alle paar Minuten Meldungen erhält –, kann man damit eine Menge anfangen.

Der Nutzen soll noch wachsen. Jörg Kachelmann hat ehrgeizige Pläne: Vom kommenden Jahr an will er sein Messnetz in Deutschland dichter knüpfen – er will bundesweit 2000 zusätzliche Wetterstationen installieren. Einige davon, sagt er, stünden dann natürlich auch im Saarland.

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Kachelmann
Jörg Kachelmann FOTO: dpa / ---