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Nartan Zemelko, One Billion Rising und die Suche nach Heimat

Porträt : „Die Wälder rochen nicht nach Wald“

Was ist Heimat? Wo gehört man hin? Die polnische Psychologin und Tanztherapeutin Nartan Zemelko hat sich nach vielen Umwegen für das Saarland entschieden.

Deutschland und Nartan Zemelko, das ist keine einfache Beziehung – aber eine, in die inzwischen Ruhe eingekehrt ist. In St. Arnual betreiben die Diplom-Psychologin und ihr Mann Reiner Büch, ebenfalls Diplom-Psychologe, das Therapiezentrum am Schenkelberg, das sie vor zehn Jahren gemeinsam gründeten.

Jahrgang 1967, wuchs Nartan 800 Kilometer entfernt in einem kleinen polnischen Kurort namens Polanica-Zdrój (Alt Heide) in eine von Mangel geprägte Welt hinein. Schuld waren auch die Deutschen. Die hatten Nartans Heimat „mal im Krieg in wenigen Tagen überrollt. Zerstört und ausgebeutet.“ So formuliert es ihre Tochter Vivian Polenz. Die 25-jährige Biologiestudentin hat das Verhältnis zur Mutter in einem fulminanten Kurztext verarbeitet. Unter dem Titel „Sprich Deutsch, wenn du mit mir redest!“ (Original-Kampfansage als sie vier war) schaffte es der Texte bis in die Short List des „Wortmeldungen“-Literaturpreises für kritische Kurztexte der Crespo Foundation sowie in eine polnische Literatur-Zeitschrift.

Vivians Urgroßmutter kam als erste ins Saarland. Unfreiwillig. Ihre Eltern gehörten zu den drei Millionen Opfern der von Stalin initiierten Hungersnot Holodomor 1932/33 in der Ukraine. Alle Bewohner des Kinderheims, in dem die Vollwaise lebte, verschleppte man nach Deutschland zur Zwangsarbeit. „Mit 13 Jahren wurde sie der Burbacher Hütte zugeteilt, wo sie meinen polnischen Großvater kennenlernte“, erzählt Nartan Zemelko.

Gemeinsam erlebte das junge Paar die Bombardierungen Saarbrückens. „Im April 1945 kam meine Mutter zur Welt“, sagt Nartan Zemelko. Nach dem Krieg verließ die kleine Familie die Bundesrepublik Richtung Polen. Von Dauer war das nicht. Ende der 60-er Jahre floh Nathans Großmutter aus dem kommunistischen Polen und baute sich in Saarbrücken ein neues Leben auf. Die erwachsene Tochter blieb in Polen.

Während es den Besetzern 20 Jahre nach dem Krieg schon wieder sehr viel besser ging, litt Polen noch schwer unter den Folgen. In Vivians literarischer Spurensuche liest sich das so: „Meine Mutter hatte nicht viel, aber doch schaffte sie es, schon als Kind aus Nichts alles zu machen. Wenig Essen, kleine Wohnung. … Jeden Tag Ungewissheit. Anstehen für Essen. Manchmal stundenlang.“ Allen Widrigkeiten zum Trotz lernte Nartan wie besessen und „bekam ein Stipendium nach dem anderen“.

Saarbrücken kannte sie da schon von Besuchen seit ihrem 5. Lebensjahr. „Mir wurden damals sogar die Mandeln operiert in der Caritasklinik“. Die Oma arbeitete dort als Krankenschwester. Als sich auch Nartans Mutter entschied, nach Deutschland zu ziehen, kam Nartan mit – und blieb „genau einen Sommer“, schildert Vivian.

„Sie hasste es dort. Im Saarland. Die Menschen schienen nicht zu sprechen, sondern zu bellen. ... Die Wälder rochen nicht nach Wald. Sie rochen sehr rein. ... Ordentlich musste es sein.“ Die dreizehnjährige Nartan wollte partout nicht bleiben. „Sie setze Himmel und Erde in Bewegung“ und triumphierte. In Breslau besuchte sie das beste Mädcheninternat. Streng katholisch, aber „sie kämpfte sich durch“.

Erwachsen, studierte Nartan Zemelko in Breslau Psychologie. Was sie mit ihrer Leidenschaft fürs Tanzen verbinden konnte. Ihre Diplomarbeit handelt vom Einfluss der Tanztherapie auf das Körperbewusstsein – mittlerweile ein Grundlagenbuch in Polen, wo vorher noch keinerlei Literatur zu dem Thema existierte. Später bildete sie sich in Integrativer Tanztherapie am Fritz Perls Institut Düsseldorf weiter.

Ob Zufall oder nicht: Der Name Nartan kommt aus dem Indischen und bedeutet Tanz. Die Frau, die ihn trägt, lebt das – schon ewig. „Wir haben immer getanzt seit ich klein war.“ Als junge Psychologin zog es sie dann selbst nach Indien: nach Poona, wo sie Rebalancing erlernte, eine besonders achtsame Form der Berührung.

Ihre Mission hat sie ein Stück weit verpatzt: „Eigentlich sollte ich die Tanztherapie nach Polen bringen. Aber dann habe ich mich in einen Deutschen verliebt.“ Dafür engagiert sich Nartan Zemelko vielfach in ihrer Wahlheimat, etwa im Frauenmantel – Frau im Zentrum e.V. Sie war es auch, die „One Billion Rising“ 2012 aufgriff: „Ich war überhaupt keine Aktivistin. Aber damals wollte keiner so richtig loslegen in Saarbrücken.“

Dass ihr Heimatland politisch immer extremer wird und Frauenrechte mit Füßen tritt, empört und belastet sie. Bei Streiks ist die Therapeutin möglichst oft vor Ort. Dahin zurückkehren ist allerdings längst keine Option mehr. Auch wegen der „Freitanz“-Abende im Schenkelberg-Zentrum, Ex-Restaurant und -Kneipe gegenüber der Klinik. Wo früher werdende Väter nervös warteten, treffen sich hoffentlich bald wieder regelmäßig Menschen, um barfuß zwei Stunden alles Schwere hinter sich zu lassen, ganz ohne Alkohol. „Man legt Musik auf und dann ist da der Zauber des Tanzes.“