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Jüdische Film- und Kulturtage
Musikalische Reise von Europa über Amerika nach Israel

Saarbrücken. Jüdische Film- und Kulturtage: Konzert-Vortrag mit Helmut Eisel und Sebastian Voltz über den Klezmer und seine Geschichte. Von Kerstin Krämer

Klezmer spielen – okay. Aber ausgedehnt darüber referieren? Das hat der Saarbrücker Klarinettist Helmut Eisel, seit 1989 mit unzähligen Konzerten Workshops im Dienste des Klezmers unterwegs, zuvor noch nie getan. „Sie sind heute abend die ersten Opfer!“, warnte er launig die Zuhörer in der Synagoge: Im Rahmen der „Jüdischen Film- und Kulturtage“ hatten Synagogengemeinde und Kino Achteinhalb zum musikalischen Vortrag „Stimmen des Klezmers“ mit Eisel und dessen Duo-Partner Sebastian Voltz (E-Piano) geladen.


Wie entstand die Klezmer-Musik, wie klang sie früher, und wie tönt sie heute – in Deutschland, den USA und Israel? Illustriert von Dias, historischen Aufnahmen und Live-Beispielen warf Eisel einen persönlichen Blick auf den Begriff, die Geschichte und die aktuelle Entwicklung der Stilistik. „Es ist eigentlich ein Kunstbegriff, geprägt in den 60er-Jahren“, erläuterte Eisel und erzählte, wie die jiddischen Wander- und Unterhaltungsmusikanten im 20. Jahrhundert zu berühmten beziehungsweise berüchtigten Musikern avancierten.

Als Beispiele nannte Eisel den renommierten Klarinettisten Giora Feidman und dessen Vorgänger Dave Tarras und Naftule Brandwein: Tarras verkörperte den akademischen, gebildeten Typus, der auch Noten lesen konnte (was seinerzeit nicht selbstverständlich war), während der Legenden- und Anekdoten-umwobene Brandwein heute noch als lebenslustiger und stilprägender Ausdrucksmusiker verehrt wird.



Vor allem in den USA, wohin in den 30-er Jahren notgedrungen viele Klezmorim emigrierten, ereignete sich Entscheidendes: Zunächst wurde der Klezmer von anderen Musikstilen wie Tango und Swing unterwandert und allmählich, befördert von der Angst vor europäischen Verhältnissen und von den Bestrebungen des Zionismus, in die Bedeutungslosigkeit verdrängt. Um schließlich ein glänzendes Revival zu erleben: Just der Mix mit Jazz, wie ihn Formationen wie die „Klezmer Conservatory Band“, „Brave New World“ oder die „Klezmatics“ propagierten, hob den Klezmer auf ein höheres Niveau, verschaffte ihm interkulturelle Bedeutung und machte ihn ab den 1980-er Jahren zur „Identifikationsmusik“.

Es mutet paradox an, dass parallel ausgerechnet in Israel der Klezmer ein Schattendasein führte: Er galt bestenfalls als Touristenattraktion, so Eisel. Kein Wunder also, dass ihn ein Hilferuf seines Freundes Giora Feidman ereilte, um den Klezmer in Israel mit gemeinsamen Konzerten, Workshops und Festivals als authentische Stilistik zu etablieren.

Wobei, wie Eisel ausführte, diese Bemühungen bedauerlicherweise teils auch zu politischen Propandazwecken missbraucht wurden. Ein Großteil von Eisels Vortrag, dessen Verständlichkeit leider über weite Strecken unter quengelnden Kindern und knarzenden Holzbänken litt, widmete sich denn seiner eigenen Mission in Sachen Klezmer. Ehrensache, dass Eisel und Voltz hier alle Register zogen, um die Musik in all ihren Facetten lebendig werden zu lassen: von berührender melancholischer Tristesse über tänzerisch-vitale Ausgelassenheit bis hin zu mitreißenden jazzigen Impulsen. Der Abend endete als Plädoyer für „die bereichernde Auseinandersetzung mit anderen Kulturen“ – und mit einer fulminant expressiven Klezmer-Version des durch Frank Sinatra berühmt gewordenen „My way“.

Helmut Eisel wird auch am Freitag, 9. November, den Mahnmarsch „Weg des Gedenkens“ zur Erinnerung an 80 Jahre Reichspogromnacht begleiten. Start ist um 13.30 Uhr auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs.
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