Premiere : Ein Tanz zwischen lachenden Kindern, Soldaten und Gräbern

Dreimal ausverkauft: Mohammad Ali Deebs Tanzperformance „In The End“ bekam viel Applaus im Hof der Saarbrücker Stadtgalerie.

Nachdem Corona der für den April geplanten Tanzperformance „In the End“ in die Quere kam, wurde das Stück nun endlich aufgeführt – und erntete viel Applaus. Mit seinem Solo bearbeitet Mohammad Ali Deeb seine Fluchterfahrungen.

Am Wochenende wurde „In the End“ dreimal aufgeführt, jedes Mal vor ausverkauftem Haus. Obwohl, „Haus“ trifft es nicht so ganz: Das Theater im Viertel (TiV), befindet sich coronabedingt derzeit unter freiem Himmel, die Aufführungen sind sozusagen outgesourced. Diesmal in den Innenhof der Saarbrücker Stadtgalerie.

Was einerseits natürlich Grund zur Freude ist, bereitet anderereits jedoch Sorgen: „Die Produktion hat den Etat komplett gesprengt“, konstatiert Thomas Engel, bei „In the End“ unter anderem verantwortlich für Buch und Regie. Denn die gesamte Bühnentechnik habe vom TiV in die Stadtgalerie gebracht, gemietet und neu konzipiert werden müssen, weshalb das TiV nun zur Unterstützung eine Crowdfunding-Kampagne gestartet hat.

Auf dieser „teuren“ Bühne verweilt Mohammad Ali Deeb bereits während die Zuschauer noch zu ihren Plätzen geleitet werden. Er steht mit dem Rücken zum Publikum, körperdeckend in weiß geschminkt, ein Tuch um die Schultern, die Bühne in blauem Licht. Der syrische Tänzer und Choreograf, der als Flüchtling über die Stationen Algerien und Spanien 2015 ins Saarland kam, ließ sich für „In The End“ von seiner eigenen Biografie aber auch der anderer zur Flucht Gezwungenen inspirieren.

Die Bilder, die zum Auftakt der Performance auf die drei Bühnenwände geworfen werden, zeigen Bilder seiner Heimat – lachende Kinder, aber auch Kinder mit Waffen, weinende Männer, Gräber. Mit diesen Bildern interagiert Deeb, von Bild zu Bild tänzelnd gibt er seine Verletzlichkeit preis. Und bringt so das Publikum ohne Umweg zum Direkteinstieg in ein unbequemes Thema.

Immer wieder wird die Tanzperformance von Deeb unterbrochen von gesprochenen Einspielern, kurzen Filmen oder Handyfotos, die das Thema Flucht auf einer sehr persönlichen Ebene auffächern. Dabei gehen die Teile zumeist kunstvoll ineinander über, sind aber zum richtigen Zeitpunkt mal abrupt und wachrüttelnd.

So auch die Geschichte des kleinen Aylan Kurdi, und wie sein Leichnam am Strand die Welt „für drei Minuten innehalten“ ließ. Oder die, in denen Deeb von seiner Passion fürs Murmelspielen und von seiner Schule in Syrien erzählt.

Dazwischen tanzt Deeb zu Musik, die von traditioneller und zeitgenössischer syrischer Musik bis zu palästinensischem Rap reicht eine Performance, die zwischen verzweifelt, resigniert und kämpferisch oszilliert. Es gibt Teile, in denen er sich spürbar gegen die äußeren Umstände stemmt. Oft jedoch ist Deeb am Boden, rollt, kriecht, kann sich nur schwer wieder aufrichten – immer irgendwo zwischen Lethargie, Triumph und Agonie.

Bis zuletzt: Zu einer Kantate von Bach wickelt sich Deeb in sein eingangs getragenes, weißes Tuch, liegt steif in der Bühnenmitte. Und nun trifft einen die Erkenntnis, erkennt man seine weiße Schminke klar als Leichenblässe. „Ich freue mich auf meinen Tod. Ach, hätt er sich schon eingefunden. Da entkomm ich aller Not, die mich noch auf der Welt gebunden“, heißt es in der Kantate.