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Mobbing auf höchstem Niveau
Mobbing auf höchstem Niveau

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Ach, diese Jugend von heute - angepasst, smartphonesüchtig und ohne das geringste Interesse an Bildung. Von wegen!

Jede Generation hat ja so ihre Eigenheiten. Heutige Jugendliche, das habe ich am Wochenende leidvoll erfahren, provozieren nicht etwa mit lauter Musik oder frechen Parolen. Wenn sie jemandem so richtig auf die Nerven gehen wollen, dann setzen sie auf Goethe.


Alles fing damit an, dass mein Wasserkocher streikte. Mein Cousin lümmelte teilnahmslos vor seinem Laptop rum. „Sag mal, weißt du vielleicht, was mit dem Wasserkocher los ist?“, fragte ich ihn. Darauf der 15-Jährige: „Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen.“ Irritiert von seiner Antwort, musste ich kurz darüber nachdenken, ob der Junge in seiner Klasse wohl beliebt ist. Mit etwas Nachdruck sagte ich: „Der Wasserkocher. Weißt du, warum er nicht funktioniert?“ Der Jugendliche antwortete lapidar: „Gegner glauben uns zu widerlegen, indem sie ihre Meinung wiederholen und auf die unsre nicht achten.“ Ich hielt einen Moment inne. Mir schoss die Frage durch den Kopf, wie sein erstes Date wohl so laufen wird. „Willst du mir den letzten Nerv rauben? Was soll das hier?“, fragte ich. „Ich erledige meine Deutsch-Hausaufgabe“, sagte der 15-Jährige. „Sie lautet: Ist Goethe auch heute noch aktuell? Und ich mache gerade den Praxistest, indem ich seine Zitate im Alltag anwende.“ Sein neunmalkluges Grinsen brachte lediglich mich, nicht aber das Teewasser zum Kochen. Ich atmete tief ein und fragte: „Und? Zu welchem Ergebnis gelangst du mit deinem Praxistest?“ „Wenn ich mir dich so ansehe, ist der gute alte Johann Wolfgang immer noch erstaunlich aktuell“, sagte er und zitierte erneut: „Es ist nichts schrecklicher als eine tätige Unwissenheit.“ Dann stand er lächelnd auf, rüttelte kurz am Stecker und das Wasser begann zu kochen.