Der Mister Sonntags ans Schloss: Mister „Sonntags ans Schloss“

Der Mister Sonntags ans Schloss : Mister „Sonntags ans Schloss“

Claude Adam-Brettar ist Chef eines der größten Open-Air-Festes im Land. Im Redaktionsgespräch erzählt er von Erlebnissen und Erfahrungen.

Seine Hemden sind legendär. Claude Adam-Brettar ist auch im dichtesten Gewimmel der sommerlichen Open-Air-Konzerte am Saarbrücker Schloss stets gut auszumachen. Weil er einen Hang zu bunter Oberbekleidung im Hawaii-Stil hat. Zum Redaktionsgespräch trägt er sein Lieblingshemd: leuchtendes Rot und verziert mit  Surf-Brettern aller Art und Größe.

Nicht viele Männer sind so schnell in einer großen Menschenmenge zu finden. Und große Menschenmengen gibt es zuverlässig, wenn in drei Tagen wieder „Sonntags ans Schloss“, die legendäre umsonst-und-draußen-Reihe des Regionalverbandes, startet. Und gefunden werden muss Claude Adam-Brettar auch öfter. Denn wenn irgendwas schief läuft, wird der 57-Jährige gesucht.

„Sonntags ans Schloss“ startet jetzt in die 30. Saison. Adam-Brettar ist fast von Anfang an, seit 1992, dabei. Und er hat in all den Jahren schon so einiges erlebt und viele Menschen kennen gelernt. „Es gibt sogar Leute, die sind wirklich jedes Jahr und von Anfang an dabei“. Sogar aus Köln kommt ein Pärchen regelmäßig gefahren. Aus Lothringen und Luxemburg kommen sie sowieso.

Adam-Brettar schwärmt im Redaktionsgespräch von den 100 handgemachten Frikadellen, die ein eingefleischter Fan seit vielen Jahren immer „in einer riesigen Kühltasche“ zum Abschluss mitbringt. Oder er seufzt, wenn er von  seinen „Jungs vom Syndikat“ erzählt, wie er die Obdachlosen fast schon liebevoll nennt. Die verbringen nämlich auch gern die Sommersonntage am Schloss und sind auch meist friedlich. Aber ein paar von ihnen enterten nach einem Konzert auch mal die Mikros und sorgten für ausgeprägte Gröhl-Einlagen. Ein anderer war mal so zugedröhnt, dass er beim Kindertheater einen Streit auf der Bühne für echt hielt und sich einmischte.

Auch die Künstler halten den 57-Jährigen natürlich auf Trapp. Mit nachträglichem Lachen erinnert er sich etwa an ein Konzert mit dem inzwischen verstorbenen Blueser Long John Baldry. „Der reiste hier morgens pünktlich mit seinem Manager an, aber die Band war nicht dabei.. Die kam dann geschlagene zwei Stunden später.  Das Publikum wartete geduldig „und dann schlendert der lässig auf die Bühne und macht das Peace-Zeichen“. Ihm selbst hatte Long John zuvor empfohlen, einfach mal cool zu bleiben.

Das ist aber nicht immer so einfach, wenn man der Veranstalter ist. „Es gab auch mal eine Band, die kam einfach gar nicht, hat sich auch nie mehr gemeldet.“ Dass mal ein Künstler krank wird, ist da ja schon fast normal. „Da telefoniere ich den ganzen Samstag und suche Ersatz.“

30 Veranstaltungen bietet „Sonntags ans Schloss“. Zehn Sonntage mit Blues-Matinee, Kindertheater am Mittag – und natürlich der Soiree: „Die haben wir seit drei Jahren komplett geändert. Früher waren wir laut, heute ist da alles akustisch, hauptsächlich Singer-Songwriter-orientiert.“ Die Abende haben mittlerweile fast so viele Fans wie der Blues am Morgen. „Der Getränke-Umsatz ist um 30 Prozent gestiegen“, sagt Adam-Brettar.

Bierströme sind eine gute Möglichkeit, Zuschauerströme zu berechnen bei einer eintrittsfreien Veranstaltung unter freiem Himmel. Es gibt feste 700 Sitzplätze, aber an manchen Tagen nicht mal mehr genug Stehplätze. Das Sommerfestival ist eine märchenhafte Erfolgsgeschichte

Aber Claude Adam-Brettar ist ja das ganze Jahr für das Programm des Kulturforums des Regionalverbands zuständig. „Wir machen 100 bis 120  Veranstaltungen im Jahr“, erzählt er. Dazu zählen die Comedy im Frühling und im Herbst, das sonntägliche Kindertheater  im Schlosskeller, die Jazzreihe im  Festsaal, „und ich konzipiere auch ‚Musik unter Kastanien’ in Bildstock“. Unterstützt wird Adam-Brettar „von zwei Mitarbeiterinnen mit je einer halben Stelle.“

Mit der  Finanzierung des  Festivals ist Adam-Brettar nicht unzufrieden. „Nach jahrelangem  Schrumpfen“ hat er heute immerhin wieder 65 000 Euro – von denen allein 25 000 Euro für Nebenkosten wie Beschallung und Unterbringung drauf gehen. „Als wir 1991 anfingen, lag der Etat fürs ganze Jahr bei 300 000 DM,“ Das waren wahrlich fette Jahre, „Sonntags ans Schloss“ startete da schon im Mai und dauerte bis in den Herbst. Im Laufe der  Zeit gab es immer weniger Geld. Vor zwei Jahren lag der Etat mal gerade noch bei 59 000 Euro – für das gesamte Kulturprogramm des Jahres!

Aber Claude Adam-Brettar ist keiner, der laut rummeckert. Er versucht, mit dem, was da ist, das Beste zu machen. Und im Laufe der Jahre hat er natürlich auch manche Kontakte und Erfahrungen, weiß, was wichtig ist und was nicht, was ankommt und was nicht. „Man darf nie von seinem eigenen Geschmack ausgehen, sonst kann man so ein Festival nicht so lange machen.“

Seine Künstler findet er heute weitgehend bei Recherchen im Internet. „Als ich angefangen habe, war es ein riesiger Aufwand. Wie findet man eine Band aus dem Raum Hamburg, die noch nicht so bekannt ist?“ Heute klickt er sich durch Youtube. „Mein Problem ist, ich kann ja nicht ständig im Land rumreisen.“ Die schönsten Tipps kämen aber oft von den Musikern selbst.

Die bei Laune zu halten ist sowieso einer der wichtigsten Jobs. „Die Künstler müssen sich wohl fühlen, dann sind sie auch besser auf der Bühne, und das Publikum ist zufrieden.“

Hinter den Kulissen ackert Claude Adam-Brettar dafür jeden  Sommer. Ein typisches Sommerwochenende sieht für ihn so aus: Ab samstags Rufbereitschaft, „falls eine Band nachts das Hotel nicht findet“. Sonntags steht er spätestens um halb neun vor Ort, und wenn abends nach zehn endlich alles erledigt ist, „bin ich manchmal so durchgeglüht, dass ich erst mal eine Wanne voll kaltem  Wasser brauche“.

Pristine kommt aus Norwegen. Auf ihr Konzert ist Claude Adam-Brettar besonders gespannt. Foto: Ørjan Bertelsen/Foto:Ørjan Bertelsen
Die Berliner Formation On Air spielt sogar die Vorpremiere ihres neuen Programms im Saarbrücker Schlossgarten. Foto: Ben Wolf

Worauf er sich in diesem Jahr besonders freut? Dass mit „On Air“ mal wieder eine A-Cappella-Gruppe da ist und auch noch ihre Vorpremiere in Saarbrücken macht.  „A cappella ist so angesagt, das kann man kaum noch bezahlen. Die erste Gruppe, die seinerzeit bei uns war, kosten heute das Fünffache.“ Auch auf Pristine aus Norwegen ist er gespannt. „Und natürlich auf die Eröffnung am Sonntagabend mit Folkshilfe.“ Die Alpenrocker aus Österreich seien der Knaller.  Vielleicht liegt Adam-Brettars Begeisterung aber auch ein bisschen daran, dass deren Akkordeonist auch mal ganz gern kunterbunte Hemden trägt. . .