Michael Reufstek, das Kawumm, Honey Creek und die Straßenmusiker

Porträt : Sein Motto: „Dann hab ich das halt gemacht“

Das Leben des Fotografen, Musikers, „Kawumm“-Inhabers Michael Reufsteck ist so vielseitig, man könnte glatt mehrere Leben draus machen.

Würde man nach sowas wie einem Mantra, einem Leitsatz für Michael Reufstecks Leben suchen, dann wäre es sicher: „Dann hab ich das halt gemacht“. Den ersten Headshop im Saarland eröffnet? Gemacht. Eigenen Versandhandel gegründet? Gemacht. Eigene Kleidung entworfen? Gemacht. Erfolgreiche Band gegründet? Auch gemacht.

Jetzt hat Reufsteck seinen Fotoband „Straßenmusiker“ beim Conte-Verlag herausgebracht, seine gleichnamige Ausstellung, die im Rahmen des „Pictures of Pop“-Festivals des PopRates Saarland stattfindet, ist noch bis zum 17. November im „Kunstwerk“ zu sehen.

Musik begeistert Reufsteck schon sein Leben lang, bereits mit 14 spielte er in Kneipen und auf der Straße. Er ist in den 70ern aufgewachsen, die damalige Hippie-Kultur habe ihn immer sehr interessiert, erzählt Reufsteck. Und so stammt das erste Bild in Reufstecks Fotoband gar nicht von ihm selbst, sondern zeigt ihn: 1985, langhaarig, beim Musizieren mit Freunden in der Pariser Metro.

Doch trotz seiner hippieesken Tendenzen startete Reufsteck erst einmal vergleichsweise konservativ ins Erwachsenenleben: Er machte eine Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker bei den Stahlwerken Röchling-Burbach. Vier Jahre arbeitete er dort im Schichtbetrieb, bis er eines Morgens aufwachte und dachte: „Das geht nicht mehr, ich gehe da nicht mehr hin“.

Dabei muss man kein Genie sein, um zu erkennen, dass dieses Leben sich für den Freigeist Reufsteck wohl wie ein Gefängnis angefühlt haben muss. Auf die Frage, von was er nun leben solle, hatte Reufsteck schnell eine Antwort: Back to the (hippie) roots. Er reiste mit eigenem Stand und Anhänger von Markt zu Markt, verkaufte Kleidung, Schmuck und allerlei mehr.

Mit der Eröffnung seines Headshops „Kawumm“ wagte Reufsteck den Schritt in die Professionalität. Mit Erfolg, „schließlich ist das Kawumm seit 30 Jahren der Kultladen in Saarbrücken“, so Reufsteck. Auch ein Versandhandel war an den Laden angeschlossen, Reufsteck hatte einen eigenen Textilkatalog. Die Fotos dafür schoss Reufsteck selbst, gründete der Professionalität wegen kurzerhand ein eigenes Fotostudio.

Man beginnt sich zu fragen, ob dieser Mann jemals schläft. Für Kundenwünsche hatte er stets ein offenes Ohr. Als er bemerkte, dass die Schnitte seiner Waren oft nicht zu 100 Prozent passten, entschied er sich dazu, nach eigenem Muster Kleidung produzieren zu lassen – genäht von kleinen Familienbetrieben, etwa in China. Über die Jahre brachte ihn sein Textilgeschäft durch die ganze Welt, Japan, USA, Finnland, ganz egal.

Und während Reufsteck so durch die Welt tingelte, begann er Straßenmusiker zu fotografieren. Hörte er irgendwo jemanden spielen, folgte er wie ferngesteuert den Tönen. Mit seiner Linse versuchte er diese spontanen, flüchtigen Momente, das besondere Flair der Straßenmusik festzuhalten. Und hinter die Kulissen zu blicken: Verstehen, wie diese Menschen leben, wie sie das meistern.

Gleichzeitig werden seine Fotografien zu Zeugen einer Kultur, die langsam ausstirbt, denn insbesondere Verbote machen es Straßenmusikern immer schwerer. „Mit meinen Fotos verfolge ich die Absicht, mit meinen bescheidenen Mitteln etwas für diese Kultur zu tun“, sagt Reufsteck. Um die 1000 Fotos habe er bei diesem Projekt geschossen, rund 100 haben es ins Buch geschafft.

Den Plan einen Fotoband herauszugeben, hatte Reufsteck schon länger. „Ich habe viel Arbeit und Herzblut in das Projekt gesteckt“, sagt er. Im Prinzip war der Band schon druckfertig, Reufsteck wollte ihn in Eigenregie rausbringen, nur hätte es dann keine ISBN-Nummer gehabt. „Und einen Verlag gründen, das war dann selbst mir zu viel“, schmunzelt Reufsteck. So ist er heute froh und dankbar über seine seit dem letzten Jahr bestehende Position als PopRat Stefan Wirtz vom Conte-Verlag kennengelernt zu haben, der das Buch schließlich verlegen wollte.

Als sich immer mehr Modeketten in Saarbrücken ansiedelten, man plötzlich mehr Konformität als Individualität wollte, stellte Reufsteck seinen Textilversand ein. So wie er damals auch seinen Canabissamen-Versand, der erste und größte in Deutschland, einstellen musste, als dieser durch eine Gesetzesänderung plötzlich verboten wurde.

Kein Problem für Reufsteck, er scheint alles zu nehmen wie es kommt. 2007 beispielsweise habe er einen „Durchhänger mit der Musik“ gehabt, die Szene war am Tiefpunkt, es gab keine Leute für eine Band. Kurzerhand disponierte er um, wurde DJ für „Zigeunermusik“, wie er sagt, war mit seinen Gypsimania-Partys Resident im Jazzkeller, spielte sogar auf dem Karneval der Kulturen in Berlin.

Als der Jazzkeller dann schloss, habe er sich auf das besonnen, was er kann: Er gründete die Band „Honey Creek“. „Dass wir im ersten Jahr nur rumgekrebst sind, Konzerte ohne Geld gespielt haben, will das Finanzamt heute nicht mehr glauben“, lacht Reufsteck. Verständlich, schließlich feiert die Band mit dem kernigen Blues-Rock heute große Erfolge: So konnten sie 2018 zwei ihrer Alben auf Platz zwei und drei der internationalen Download-Charts platzieren, sie spielen auf Riesen-Events wie dem Tag der deutschen Einheit in Kiel. „Ob Musik, Fotografie oder sonst etwas – wenn ich etwas mache, dann richtig, von vorne bis hinten“, kann Michael Reufsteck da nur sagen.

Titelmotiv des Buches: ein Straßenmusiker in Porto. Foto: Michael Reufsteck

Die Ausstellung im Kunstwerk in der Scheidter Straße ist noch bis Sonntag, 17. November, zu sehen. Das Buch „Straßenmusiker“ ist im Conte Verlag erschienen und kostet 15 Euro.