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Fußball-WM
„Messi trägt eine unglaubliche Last“

Leandro Grech spielt seit drei Jahren beim Fußball-Regionalligisten SV Elversberg und kennt die Unterschiede zwischen seinem Heimatland Argentinien und Deutschland ganz genau.
Leandro Grech spielt seit drei Jahren beim Fußball-Regionalligisten SV Elversberg und kennt die Unterschiede zwischen seinem Heimatland Argentinien und Deutschland ganz genau. FOTO: Heiko Lehmann
Großblittersdorf. Der Argentinier Leandro Grech ist für den Fußball ins Saarland gekommen. Bei der WM bangt er für sein Heimatland. Von Heiko Lehmann

Vor zwölf Jahren kam Leandro Grech von Argentinien nach Deutschland. Damals sprach der heute 37-Jährige kein Deutsch und hatte keine Kontakte in Deutschland. „Jeder junge Fußballer in Südamerika hat den Traum, einmal in Europa Fußball zu spielen. Das war früher so und ist heute auch noch so. Damit dieser Traum wahr wird, nimmt man sehr viel in Kauf“, erzählt Leandro Grech, dessen erste Station der damalige Süd-Regionalligist SC Pfullendorf war.


„Ich kann mich noch gut an das erste Training erinnern. Ich habe kein Wort in der Kabine verstanden. Die einzige Sprache zur Verständigung war Fußball“, blickt der Argentinier zurück. Doch die Entscheidung, sein Glück in Deutschland zu suchen, bereute der Argentinier zu keiner Sekunde. Beim VfR Aalen in der 2. Bundesliga wurde Leandro zu einer Legende und war drei Jahre lang Spielführer. Beim saarländischen Regionalligisten SV Elversberg spielt der 37-Jährige seit drei Jahren und ist mittlerweile ebenfalls Kapitän.

„Deutschland hat mir sehr viel gegeben. Ich habe viel neue Freunde kennen gelernt und meine Töchter wachsen hier auf“, so Leandro Grech. In zwölf Jahren in Deutschland hat der Argentinier große Unterschiede zu seinem Heimatland feststellen können. Bleiben wir zunächst beim Fußball. „In Deutschland bekommst du auch Applaus von den gegnerischen Fans, wenn du gut gespielt hast. Das ist in Argentinien undenkbar. Dort gab es lange Zeit nach den Spielen Schlägereien und Messerstechereien. Mittlerweile dürfen in den ersten drei Ligen überhaupt keine gegnerischen Fans mehr in das Stadion der Heimelf“, erzählt Leandro und kennt noch viele weitere Unterschiede auch abseits vom Fußballplatz.



„Wenn du in Deutschland Schmerzen hast oder krank bist, gehst du zum Arzt oder ins Krankenhaus. Das gibt es zwar alles auch in ähnlicher Form in Argentinien, aber es ist alles viel schlechter“, sagt der Profifußballer, der Deutschland für seine Organisation bewundert. „In Argentinien gibt es diese Ordnung und diesen Plan nicht. Argentinien ist schon immer ein sehr reiches Land gewesen und hat nie etwas daraus gemacht“, weiß Leandro. „Nach dem Zweiten Weltkrieg war der argentinische Weizen in der ganzen Welt begehrt. Wir haben alles verkauft ohne irgendeine Organisation. Das war in späteren Jahren auch beim Fleisch und bei Soja genauso. Wir machen einfach nichts aus unseren Möglichkeiten. Vor ein paar Jahren wurde in Argentinien eines der größten Erdölvorkommen der Welt entdeckt. Ich bin mal gespannt, was wir daraus in Zukunft machen“, sagt Leandro.

Die Fußball-Karriere des 37-Jährigen neigt sich dem Ende entgegen. Die kommende wird die letzte Saison des Leandro Grech werden. Danach soll eine Karriere als Trainer folgen. Eine Rückkehr in ihr Heimatland ist für die Grechs nur schwer vorstellbar. „Was sollen wir in Argentinien? Unseren Töchtern geht es hier prima. Sie haben Freunde, sind voll integriert und nehmen auch am Vereinsleben teil. Meine älteste Tochter tanzt in der Karnevalsgarde in Güdingen. Aber ich habe auch noch Familie in Argentinien. Mein Vater ist in diesem Jahr gestorben und meine Oma kam in ein Altersheim. Meine Mutter hat daheim sehr viel zu tun. Es ist keine einfache Situation für mich“, sagt der ehrliche und sehr gläubige Fußballprofi.

Zur Zeit des Interviews am Dienstagmittag war auch die Zukunft der argentinischen Nationalmannschaft bei der WM in Russland noch sehr ungewiss. Als Tabellenletzter hätte Argentinien am Abend gegen Nigeria gewinnen müssen, um noch weiterzukommen. Das gelang am Ende. Vor dem Spiel sagte Leandro Grech: „Es wird sehr schwer für uns. Mir tut Lionel Messi sehr leid. Er ist einer der besten Fußballer der Welt, hat aber eine unglaubliche Last zu tragen. Er muss die Spiele ganz alleine entscheiden und wenn er es nicht schafft, dann scheiden wir aus. Irgendwie ist die ganze Situation in Argentinien vergleichbar mit dem Abschneiden bei der WM. Möglichkeiten sind da, aber sie werden nicht genutzt.“