Premiere : Mauerfälle 1: Auch über Ängste kann man springen

Die freie Theaterszene im Saarland setzt im Theater im Viertel Zeichen gegen Mauern aller Art.

Das Theater im Viertel war rappelvoll, als in der Premiere von „Mauerfälle 1“ freie Künstler der Saarbrücker Theaterszene am Freitagabend Stellung bezogen. Der Titel war durchaus wörtlich zu verstehen, denn die aus großen Mauerteilen bestehende Kulisse wurde – stellvertretend für diverse Wände – mehrfach zum Einsturz gebracht.

Den Anfang machten die für den erkrankten Bob Ziegenbalg eingesprungenen Moderatoren Till Schiestel und Christine Münster, die einen kreativen Ansatz zur Überwindung von Ländergrenzen von Tor Åge Bringsværd aus seinem Stück „Der himmlische Aktenkoffer“ diskutierten: Wenn Grenzen sich einfach wie Fäden zu einem Knäuel aufrollen ließen, könnte man Gott eine Mütze daraus stricken oder Katzen damit spielen lassen.

Von seinen persönlichen Erlebnissen beim Bau und Fall der Mauer berichtete der Westberliner Zeitzeuge Fred Woywode. Einen völlig anderen Zugang wählten Christine Michel und Munir Saidi, beide Mitglieder der Theatergruppe Schams. Die Mauer teilte die Bühne in zwei Welten: Auf der einen Seite Michel als Stellvertreterin in Freiheit schaffender Künstler, auf der anderen ein am politischen System verzweifelnder Saidi. Berührend erzählten sie eine Geschichte von Haft, Flucht und den Mauern, die die Ankunft in einem fremden Land erschweren. Fazit: Beide müssen über ihre Ängste „klettern“, wenn sie sich begegnen wollen.

Karl Heinz Heydecke und Stefan Scheib rissen in ihrer Improvisation musikalische Mauern ein, diejenigen zwischen Lebenden und Toten brachten Pianist Thomas Layes und Tenor Ralf Peter mit drei Liedern aus Schuberts Winterreise zum Klingen.

Christine Münster trug augenzwinkernd eine von Jens Sparschuh überarbeitete Version von Dornröschen vor, in der „blühende Landschaften“ ebenso eine Rolle spielten wie ein 100 Jahre lang vernachlässigtes Gemäuer. Dass Mauern bereits in der Antike zweckentfremdet wurden, wies Katharina Fiedler nach. Woywodes Vortrag „Der Demokratische Richter“ von Berthold Brecht verwies auf die existenziellen Fragen, die bei Integration gestellt werden müssen.

Ein Abend, der zum Nachdenken anregte. Der freien Theaterszene ist nach „Mauerfälle 1“ eine Fortsetzung zu wünschen, denn das Interesse des Publikums ist riesig.

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