Porträt : Eine Autonome im allerbesten Sinne

Martina Struppek ist eine auffallende Erscheinung auf der Staatstheater-Bühne und hat auch eine interessante Geschichte. Ab Donnerstag spielt sie „Ada und ihre Töchter“.

Seit 27 Jahren spielt Ada die ein und selbe Rolle, in der ein und selben drittklassigen Fernsehserie. Tag ein, Tag aus wird sie zu Emily Posten. Nur mit der Rückverwandlung nach Drehschluss ist es immer schwieriger geworden, und so ist Ada auch im Privatleben irgendwie zu Emily geworden. Als die Drehbuchautoren ihre Rolle aus der Serie schreiben wollen, geht es also nicht nur Serien-Emily, sondern auch Real-Life-Ada an den Kragen.

Diese Geschichte einer Frau, für die Realität und Fiktion untrennbar miteinander verwachsen sind, erzählt Noah Haidle in seiner Komödie „Ada und ihre Töchter“. Thorsten Köhler hat das Stück jetzt für die Sparte 4 inszeniert. Gespielt wird diese Ada, diese Frau zwischen zwei Welten, von Martina Struppek.

Als Struppek an diesem verregneten Herbsttag das Café betritt, könnten die Unterschiede zwischen ihr und ihrer aktuellen Bühnen-Identität allerdings kaum größer sein. Sie scheint ganz bei sich, keine Spur von Identitätsverlust oder seltsamen Sprachmarotten. Dass sich nämlich die spezielle Sprache der aktuellen Rolle schon einmal mit ins Privatleben schleicht, „passiert“, muss Struppek zugeben. Ansonsten gelte aber für sie: „Bühnentür zu, Rolle weg.“

Nein, mit Ada hat diese Frau wenig gemeinsam. Alles an ihrem Auftreten schreit: Ich weiß wer ich bin. Bloß davon berichten, fällt ihr, wie den meisten Menschen, nicht allzu leicht. Plötzlich jedoch ein Einfall, ja doch, eine Gemeinsamkeit gebe es da schon zwischen Ada und ihr, sagt Struppek. „Ada ist eine Frau, die eigentlich nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben will“, erzählt sie. „Auch ich fand das Bühnenleben viel interessanter als die Realität“, sagt Struppek weiter, „zumindest als junge Schauspielerin“.

Von der realen Welt, oder vielmehr ihren eigenen Idealen, wurde Martina Struppek nämlich erst einmal enttäuscht. Die Schule schloss sie nicht mit dem Wunsch ab, Schauspielerin zu werden. Vielmehr sei sie von einem unverbesserlichen „Weltverbesserungsdrang“ getrieben gewesen, außerdem eine „Grüne der ersten Stunde“, wie sie sagt.

Es war eine Umbruchszeit damals, die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses. Struppek war in der Friedensbewegung aktiv, Teil einer gewaltfreien Aktionsgruppe, blockierte Atomlager. Sie wollte in der Welt etwas verändern, machte zunächst ein Praktikum im Kindergarten. Dort merkte sie dann auch, wie frustrierend diese soziale Arbeit sein kann.

„Wenn man etwa eine Woche tagtäglich konzentriert mit Kindern aus problematischen Lebensverhältnissen arbeitet, sie Fortschritte machen und dann für das Wochenende wieder in ihr schwieriges Umfeld zurückgehen, muss man oft nach zwei Tagen wieder von vorne anfangen“, erzählt Struppek.

Wie konnte man die Welt also noch verändern, oder ihr zumindest den eigenen Notstand aufzeigen? Struppek wollte es mit Journalismus versuchen. Zum Studium der Politik, Germanistik und Theaterwissenschaft ging sie nach Hamburg, doch auch dort sei sie „nicht wirklich glücklich gewesen“, erzählt sie, sei deswegen oft ins Theater gegangen.

Generell hat das Theater immer irgendwie ihren Weg begleitet, in der Schule gründete sie eine Theater-AG, in München dann eine Studententheatergruppe, nur sich für den Weg als professionelle Schauspielerin zu entscheiden, „das habe ich mich nicht getraut“, sagt Struppek.

Einen ersten Aha-Moment gab es dann allerdings bei einer Aktion ihrer Protestgruppe, als sie und viele andere sich während eines Tages der offenen Tür in einer Kaserne theatralisch mit Schweineblut bespritzten. Da habe sie zum ersten Mal gemerkt, dass es dabei für sie nicht nur um Protest, sondern auch um eine Art „Erlebnishunger“ ginge.

Ein zweiter Schlüsselmoment: Peter Zadeks „Lulu“-Inszenierung: Dieser „Exzess, die Unverschämtheit, Zumutung und Befreiung“, die da auf der Bühne stattfand, habe sie nachdrücklich beeindruckt. Und dann wusste Struppek: „Ich muss das jetzt machen!“

Sie ging an die Hochschule für Musik und Theater Hannover um dort zu studieren, es folgte ein einjähriges Engagement am Stadttheater Konstanz, danach blieb sie 16 Jahre am Schauspiel Hannover. Seit der Spielzeit 2017/18 ist sie nun am Saarbrücker Staatstheater engagiert, überzeugt in Stücken wie „Das Licht im Kasten“, „Wir sind die Guten“, „Mettlach“ und „Hoffnung“.

Dabei fällt sie immer irgendwie auf, auf der Bühne ist sie so präsent, dass es fast frech wirkt, im positiven Sinne. Sie versuche immer, „persönlich zu sein, keine Selbstzensur zu betreiben“, erklärt Struppek. Denn eines habe sie während des Schauspielstudiums gelernt: „Autonom zu sein, auf der Bühne stehen, ohne sich selbst zu verraten“. Qualitäten, die im Haifischbecken Theaterbranche sicherlich von besonderem Wert sind. Dass sie in ihrem ersten Interview, noch zu Studienzeiten, gesagt hat, dass sie so gerne mal die Jungfrau von Orléans spielen würde, darüber kann sie nur lachen. Heute wisse sie, dass es „ein Irrtum ist, zu meinen, man wäre zu etwas berufen“, sie nehme jede Rolle, wie sie kommt.

Noch nicht einmal die etwas spitzfindige Frage, wie denn nun der Weltverbesserungsdrang ihrer Jugend mit ihrem Dasein als Schauspielerin zusammenpasst, kann diese starke Persönlichkeit Struppek aus der Ruhe bringen. Die großen Revolutionen gehen nicht vom Bühnenparkett aus, klar. Aber den „inneren Veränderungsmoment im einzelnen Menschen“, dem Zuschauer, auszulösen, sei mindestens genauso wertvoll und wichtig.

Premiere von „Ada und ihre Töchter“ ist am Donnerstag, 31. Oktober, 19.30 Uhr, in der Sparte 4 des Staatstheaters, Eisenbahnstraße 22. Karten gibt es unter Telefon (06 81) 3 02 94 86.

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