Die Schutzengel waren am richtigen Ort

In der Lebacher Straße geriet ein Mann mit seinem Kind auf dem Rad unter einen Lkw. Beide blieben nahezu unverletzt.

Ein Riesenschreck, ein dramatisches Straßenbild - und doch war es ein Riesenglück. Ein Vater und sein fünfjähriges Kind waren gestern kurz vor halb neun in der Lebacher Straße zwischen Pariser- und Cottbusser Platz mit dem Rad unterwegs. Der Vater fuhr stadteinwärts, sein Sohn saß hinten auf dem Rad in einem Kindersitz. Als beide einen schwarzen VW Touareg passieren wollten, der verkehrswidrig auf dem Gehweg parkte, öffnete der Fahrer plötzlich die Tür. Der Vater versuchte auszuweichen, stürzte mit dem Kind auf den Asphalt und gegen einen Lkw, der Baumaterial geladen hatte. Das Fahrrad geriet unter den Lkw, der an der Ampel gerade losfuhr. Wer den Unfall sah, rechnete mit dem Schlimmsten. Doch die Schutzengel waren zum richtigen Moment am richtigen Ort. Das Kind war im Sitz angeschnallt und wurde nicht von den Rädern erfasst. Es trug nach ersten Erkenntnissen nur Schürfwunden davon. Das Fahrrad stand später an einer Hauswand, während die Polizei versuchte, den Unfallhergang zu rekonstruieren. Der Rahmen, die Pedale und die Reifen waren verbogen.

Die Saarbahn musste für eine halbe Stunde die Fahrten unterbrechen, weil ein Rettungswagen die Schienen blockierte. Die Lebacher Straße musste für rund anderthalb Stunden für den Verkehr gesperrt werden.

Wieder ein Unfall mit einem Radfahrer. Im vergangenen Jahr ist erst ein junger Mann auf tragische Weise bei einem Unfall mit einem Lkw in der Mainzer Straße ums Leben gekommen. Zwar sind in Saarbrücken kaum mehr als vier Prozent der Verkehrsteilnehmer mit dem Rad unterwegs, aber sie sind zwischen den Autos und Lkws das schwächste Glied im Straßenverkehr. Zwischen 2011 und 2015 sind laut Polizei 957 Radfahrer verunglückt, sei es allein oder bei Zusammenstößen. 160 wurden dabei schwer verletzt.

Schon in der Vergangenheit gab es viel Kritik für die dürftig ausgebaute Radinfrastruktur in Saarbrücken. Die Politik will den Radverkehrsanteil in der Stadt bis 2030 deutlich steigern. So steht es im neuen Verkehrsentwicklungsplan (VEP) für Saarbrücken. Doch aktuell ist der Großteil der Infrastruktur auf den Autoverkehr ausgerichtet. 80 Prozent der Wege werden innerhalb der Stadtgrenzen von Saarbrücken zurückgelegt. Mehr als ein Drittel der Wege sind kürzer als zwei Kilometer, und 61 Prozent der Wege sind kürzer als fünf Kilometer. Obwohl diese kurzen Wege in vielen Fällen auch zu Fuß oder mit dem Rad bewältigt werden könnten, nehmen die Saarbrücker lieber das Auto.

Das will die Stadt mit dem neuen VEP ändern. Das Ziel: Die Stadt soll für Fußgänger, Fahrradfahrer und Anwohner lebenswerter werden, der Öffentliche Nahverkehr soll besser werden und der Autoverkehr geringer.

Kein leichtes Unterfangen: Denn überall stößt man auf Interessenkonflikte: Die Stadt ist zum Beispiel auf die vielen Pendler und Besucher angewiesen. Gerade für den Handel sind Letztere ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Deshalb soll es bessere Fahrradwege und mehr sogenannte Schutzstreifen für Radfahrer geben. Doch ob diese Schutzstreifen mehr Menschen dazu bewegen, auf das Rad zu steigen, ist umstritten. Auf der Wilhelm-Heinrich-Brücke sollen die Radwege sogar mitten auf der Fahrbahn verlaufen. Eltern und ältere Menschen kritisieren, dass dies zwar statistisch gesehen sicherer sein möge, doch nur für geübte Fahrer zu meistern wäre. Viele fühlen sich jedoch unsicher mitten im Verkehr und würden erst aufs Rad steigen, wenn Wege, abgetrennt von der Straße geschaffen würden. Solche Fahrradstraßen, wie sie bereits andere Städte wie zum Beispiel Mainz, Mannheim oder Berlin haben, gibt es in Saarbrücken bisher noch nicht. Die Stadt hat gestern auf SZ-Anfrage angekündigt, den bereits für 2016 versprochenen Fahrradschutzstreifen in diesem Frühjahr noch auf der Lebacher Straße einzurichten.