Die geräumte Lücke

Wo verbringen junge und jung gebliebene Leute ihre Freizeit? Was ist angesagt? Gibt es sie, die Orte, an denen sich jeder trifft? Zum Feiern – oder einfach zum Abhängen. Die SZ hat sich auf die Suche gemacht und stellt in einer Serie diese Orte vor. Heute: zu Gast in der Lebacher Straße 81 und 83 in Malstatt.

Zwischen Cottbuser und Pariser Platz, direkt neben der Saarbahnlinie befindet sich die Lebacher Straße 81 und 83. Für viele Anwohner ein Schandfleck, den sie beim Einkaufen auf der gegenüberliegenden Straßenseite partout nicht übersehen konnten. Jahrelang türmten sich auf dem brachliegenden Gelände Müllberge in einem windschiefen Bretterverschlag. Daneben der seit Jahren geschlossene Kiosk mit seinem rätselhaften wie programmatischen Namen "Schockers". Damit ist jetzt Schluss. Im Mai begannen die neuen Eigentümer zunächst das vernachlässigte Grundstück aufzuräumen. Dafür packten sie kräftig an. Viele Fuhren Müll mussten abtransportiert werden. Bis zum Bombeneinschlag im Herbst 1944 stand hier ein Wohnhaus. Danach ist nicht mehr viel passiert. Die Häuserlücke blieb weitgehend ungenutzt und sich selbst überlassen. Nur der Kiosk entwickelte sich zu einem geselligen Treffpunkt Bier trinkender Männer, bevor es vor vier Jahren seinen Betrieb einstellte.

Die vier jüngeren Eigentümer, die namentlich nicht genannt werden möchten, wurden durch Freunde auf das ungenutzte Grundstück aufmerksam. Ihre Idee: "Selber etwas Praktisches machen." Da sie alle vier am Schreibtisch als Ingenieure oder Studenten arbeiten und in Wohnungen ohne Garten wohnen, sei der Wunsch nach einem Outdoor-Hobby, bei dem man anpacken kann, entstanden. Dafür haben sie ihre Ersparnisse und viel Mühe und Schweiß in das Projekt investiert. Drei Monate später ist der einstige Unort kaum wiederzuerkennen. Weiße Holzplatten begrenzen das Gelände zur Lebacher Straße hin. Dahinter schließt sich der neu angelegte Innenhof an, der von Bäumen und der Backsteinwand des Nachbarhauses eingerahmt ist. Die aufgestellten Holzpaletten laden zum Verweilen inmitten des belebten Kiezes ein. Eine Art urbane Oase mit dem Charme des Unfertigen und Improvisierten ist entstanden. Im hinteren Teil des Geländes erstrecken sich Beete, die Interessenten zum Gärtnern zur Verfügung gestellt werden können. In den Hochbeeten wächst bereits Pfefferminze .

Der Kiosk hat einen Neuanstrich verpasst bekommen. Der Saarbrücker Künstler Alexander Karle (38) hat ihn mit der Spraydose bunt aufgepeppt. Im Kiosk wird es in Zukunft weder Bier noch Döner geben, stellen die Eigentümer klar. Denkbar wäre stattdessen selbstgemachtes Eis. Man sei offen für alle Ideen, die zur Aufwertung des Stadtteils führten. In den kommenden Monaten lassen die Eigentümer ihr Gelände von Künstlern unentgeltlich bespielen, um die Nutzungsmöglichkeiten auszuloten.

Zur Eröffnung fand sich am vergangenen Freitagabend eine bunte Schar von etwa 40 Besuchern ein, um diesen neuen Ort gemeinsam zu erkunden. Die Besucher zeigten sich begeistert und verweilten bei sommerlichen Temperaturen auf den Holzpaletten bis in die späten Abendstunden. Eine erste Kostprobe für die improvisierte Nutzung dieses Ortes war der Auftritt eines Musikers. Kurzerhand erklomm er das kleine, an der Backsteinmauer angebrachte Dach für ein Konzert mit Gitarre und Mundharmonika. Obwohl sich keiner der Passanten ins Innere traute und es lediglich bei scheuen, flüchtigen Blicken blieb, sind sich die Eigentümer sicher, dass auch die Anwohner noch kommen werden. Dafür wird auch Alexander Karle in den kommenden beiden Woche sorgen, der als erster den Freibereich unter dem Motto "Seemal" zwischennutzt. In seiner "Forschungsstation" kann gesprayt, gemalt und fotografiert werden. Dass die künstlerische Zwischennutzung eines Freiraums zur Aufwertung eines Stadtteils beitragen kann, ist sich auch der Stadtteilverein "Malstatt - gemeinsam stark" sicher, der wie bereits in der Vergangenheit derartige Projekte unterstützt.

Seemal - Kunstprojekt statt Schockers; Mittwoch bis Samstag von 14 bis 20 Uhr; Lebacher Straße 81-83

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