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Luise Talbot und Jaeyun Moon: „Szene und Struktur“ im KuBa Saarbrücken

Luise Talbot und Jaeyun Moon im KuBa. : Ein Stipendium, das Wandel ermöglichte

Kopfkino zwischen Linie und Figur zeigt die Ausstellung „Szene und Struktur“ von Luise Talbot und Jaeyun Moon. Die beiden stellen Arbeiten aus der Zeit ihres Atelierstipendiums im KuBa am Eurobahnhof. Es ist eine große Weiterentwicklung zu beobachten.

Seit dem Herbst des Jahres 2020 vergibt das Kulturzentrum am Eurobahnhof (KuBa) ein einjähriges Atelierstipendium an junge Künstlerinnen und Künstler. Man sei glücklich und zufrieden, resümiert die Geschäftsführerin der Kuba, Michaela Kilper-Beer, das abgelaufene Jahr.

Nur aufgrund des Engagements zweier Privatpersonen sei es möglich gewesen, das Stipendium anzubieten, das von der HBK Saar aufgestockt wird. Erfreut berichtet Kilper-Beer: „Dankenswerterweise übernimmt das Ehepaar auch für das kommende Jahr die Kosten und mit dem Designer Osama Sayed ist auch schon ein neuer Künstler in den 52 Quadratmeter großen Atelierraum eingezogen.“

Mit „Szene und Struktur“ präsentieren die bisherigen Nutzerinnen des Ateliers, Jaeyun Moon und Luise Talbot, eine gemeinsame Ausstellung und zeigen beispielhaft 32 Arbeiten der vergangenen Monate.

Es fällt sofort auf: Die beiden Künstlerinnen haben in diesem Jahr einen riesigen Sprung in ihrer Entwicklung gemacht und sich auffällig weiterentwickelt. Der noch Anfang des Jahres erkennbare Einfluss des Studiums an der HBK Saar verliert sich zunehmend, beide Künstlerinnen sind gereift.

Jaeyun Moon hat bei Katharina Hinsberg studiert und sich deren Spiel mit der Linie zu eigen gemacht. Die Linie bestimmt zwar immer noch Moons Bilder, doch wird sie stärker Mittel zum Zweck. Immer intensiver wird Moons Spiel mit dem Material Farbe und dessen Wirkung.

Die aus Korea stammende Künstlerin legt in mehreren Monaten bis zu 80 Schichten Farbe übereinander auf die Leinwand. Ihre Bilder entwickeln so eine Räumlichkeit, ohne einen Bildraum vorzutäuschen, denn das Material wächst durch die dicke Schichtung in den Raum hinein. Mit Schnitzmessern fängt sie dann an, kurze Linien in die Farbe zu schneiden. Über Neigung und Tiefe bestimmt sie, welche der unteren Farbschichten zum Vorschein kommt.

Die oberste Farbschicht, meist ein Grau, wird durch die Messerschnitte aufgebrochen und gibt darunter liegende Farblandschaften preis. Die flächige bleibende oberste Farbschicht wird zum vermeintlichen Hintergrund. Stege unterbrechen das Linienstakkato, verfestigen den räumlichen Eindruck und formen undefinierbare Gebilde.

Unweigerlich versucht das Auge, etwas zu erkennen und scheitert doch. In den Bildern kann man alles und nichts sehen: „Meine Bilder entstehen als abstrakte Werke und sollen erst im Auge des Betrachters Assoziationen wecken“, so Moon. „Ich habe kein Bild vor Augen, wenn die Werke entstehen.“

Da Titel fehlen, können auch die bei der Enträtselung nicht weiterhelfen. Schemenhaft meint man Landschaften zu erkennen, urbane Räume oder Architektur. Moons Arbeiten entstehen in kontrollierten Schritten, jede Linie wird geplant, überdacht und ausgeführt.

Dieses abstrakt-formale Arbeiten hat Moon in den vergangenen Monaten zunehmend perfektioniert. Der Zufall spielt zwar eine Rolle, bestimmt das Werk aber nicht. Ihre Entwicklung der letzten Monate sieht sie als Ergebnis ihres Arbeitsprozesses, denn sie lässt sich treiben und entwickelt ihre Bilder von Werk zu Werk weiter.

Auch Luise Talbot hat sich weiterentwickelt. Ihre Sujets sind meist puppenhafte Figuren, die seltsam lebendig wirken und zugleich doch nur „Ding“ zu sein scheinen. Bei der Betrachtung der Werke regiert stets ein ungutes Gefühl. Etwa bei dem Harlekin aus dem letzten Jahr, durch dessen Augenhöhlen man den Hintergrund sieht.

Die Verrätselung ihrer Bilder hat sie verstärkt, indem sie Tücher über die Figuren legt. Manchmal schaut ein Bein hervor, oft kann man unter dem Tuch Formen aber nur erahnen und das Kopfkino setzt ein.

Meisterhaft spielt Talbot mit unseren Gedanken, etwa wenn sie Puppenbeine in einem Bild baumeln lässt. Nichts deutet daraufhin und doch sieht man die Puppe förmlich am Strick baumeln. Das bestehende Unbehagen des Betrachters verstärkt Kurator Andreas Bayer noch durch die Hängung.

Auch Talbots Malstil hat sich verändert. Neben dem streng realistischen Pinselstrich scheint sich auch ein etwas lockerer Duktus zu manifestieren. Etwa in „Kabinett 14“, wo eine liebreizende Puppe in weißem Kleidchen vor einem schwammig erdfarbenen Braun gezeigt wird. Das arme Ding hat einen Fuß samt Unterschenkel verloren. Der Gruselfaktor wird durch die fast impressionistische Pinselführung nicht geringer, weil die emotional wirkende Malweise die Ambivalenz des Anblicks noch verstärkt.

 Luise Talbot malt scheinbar harmlose Bilder, denen ein leichtes Grauen innewohnt.
Luise Talbot malt scheinbar harmlose Bilder, denen ein leichtes Grauen innewohnt. Foto: VG Bild-Kunst
 Luise Talbot "Thing 18" Öl auf Leinwand
Luise Talbot "Thing 18" Öl auf Leinwand Foto: „© VG Bild-Kunst 2021“

Die Ausstellung „Szene und Kultur“ von Jaeyun Moon und Lisa Talbot ist bis 19. Dezember im KuBa - Kulturzentrum am Eurobahnhof zu sehen. Am 9. Dezember, 19 Uhr, findet im KuBa ein Künstlerinnengespräch mit Kurator Andreas Bayer statt.