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Lucyna Zwolinska und Robert Przybyl im Theater im Viertel

Tanztheater : Der Tanz der einsamen Seelen

Mit dem Tanzabend „reflexio/With guts out“ stellte sich die ehemalige Staatstheater-Tänzerin Lucyna Zwolinska im Theater im Viertel vor.

Zögerlich erklingt im dunklen Raum „Amazing Grace“ auf dem Akkordeon. Dazu wirft ein Beamer einen Schwarzweißfilm auf die Mauer. Darin ist zunächst nur eine Tänzerin in viel zu großer Regenjacke zu sehen. Es gesellt sich ein Mann dazu, der ziemlich roh mit der Frau umgeht, sie herumschubst. Sie nimmt es hin, leistet keinen Widerstand. Der Mann manipuliert die Frau derart ruppig, dass sie irgendwann leblos liegen bleibt – wie eine zerfledderte Puppe.

Parallel wird die Musik komplexer, gleichzeitig mischen sich immer mehr Moll- und Misstöne darunter. Triumphierend zieht der Mann der Frau die Jacke aus, um selbst hineinzuschlüpfen. Und plötzlich tauchen beide Personen wie aus dem Nichts auf und sind leibhaftig anwesend.

In der Tanz- und Musikperformance „Reflexio“, die nach der Premiere im Januar nun am Freitag und Samstag nochmal im Theater im Viertel (TiV) zu sehen war, setzen die beiden Tänzer Lucyna Zwolinska und Robert Przybyl mit dem Musiker Gabriele Basilico Emotionen in Bilder um und entfachen dabei ein intensives Spiel mit der Wahrnehmung, mit Energie und Stille.

Wobei Basilico – eigentlich Kontrabassist, der hier aber Akkordeongeräusche beisteuert – diesmal gar nicht live dabei war: Der Ton kam vom Band. Akkordeongeräusche? Richtig, denn Basilico erzeugt mit dem Blasebalg des Instruments im Wesentlichen die lebhafte Simulation von Wind- und Atem. Zusätzliche perkussive Klänge entstehen durch das Klackern der Knöpfe und Tasten; ergänzt um ein für manche Zuschauer schier unerträgliches Diskant-Fiepen, das auf dem Tinnitus-Index ganz weit oben stehen dürfte.

Dazu agiert Przybyl zunächst alleine, derweil Zwolinska auf dem Boden liegt. Und man weiß nicht, wer hier wen dirigiert: Der Tänzer die Geräusche? Die Geräusche den Tänzer? Oder ist das dynamische Ächzen die akustische Spiegelung eines psychischen Zustands, der sich in gesperrten, maschinenhaften Bewegungen äußert und derart verzweifelt ist, dass auch der Mann irgendwann zusammenbricht?

Dieser Eindruck einer einsamen, zutiefst gemarterten Seele verdichtet sich nach der Pause noch in Przybyls Solo „With Guts Out“ – einer eindringlichen, ebenfalls von projizierten Bildern begleiteten Momentaufnahme. Zurück zu „Reflexio“: Kaum geht der Mann zu Boden, erwacht die Frau, und nun kippt die Stimmung – zunächst – ins Positive: Aus Aggression wird Zuwendung, die Körper scheinen sich selbst bei wirbelndem Tempo in harmonischem Gleichklang zu wiegen, einander behutsam aufzufangen und Geborgenheit zu vermitteln.

Bis eine Lichtquelle eine magische Anziehung auf das Paar ausübt und beide versuchen, den/die andere/n davon fernzuhalten – da ist sie wieder, die Konkurrenzsituation vom Beginn. Oder stellt das Licht eine Gefahr dar, vor der man den/die Geliebte/n bewahren will? Es darf interpretiert werden: Vor karger und düsterer Kulisse geht es hier um Gefühle, um Freude, Schutz, Angst, Überzeugung, (Selbst-)Beobachtung und (Selbst-)Erkenntnis – und um Hoffnung, die bekanntlich zuletzt stirbt.

„Reflexio“ ist die erste eigene Choreografie der freien Tänzerin Lucyna Zwolinska, die aktuell auch in der „Redner“-Produktion „Plus Ultra“ zu sehen ist. Bis 2015 war die Polin Mitglied im Ballett-Ensemble des Saarländischen Staatstheaters, wo sie von Maggie Donlon bei den „SubsTanz“-Abenden zu eigenen Choreografien ermutigt wurde. Ihr Tanzpartner Robert Przybyl, ebenfalls polnischer Abstammung, hat bereits mehrere eigene Choreografien vorzuweisen – darunter sein hier gezeigtes Solo.

Lucyna Zwolinska ist bei den nächsten Aufführungen der Redner „Plus ultra“ am 11. und 12. März in der Alten Feuerwache zu sehen. Info: (0681) 3092-486.