| 20:44 Uhr

Aus und vorbei
Leidinger: Eine kleine Bühne verschwindet

Sie lenkten fast 20 Jahre die Geschicke der kleinen Bühne: Barbara Scheck und Peter Tiefenbrunner bei einem ihrer Kabarett-Abende.
Sie lenkten fast 20 Jahre die Geschicke der kleinen Bühne: Barbara Scheck und Peter Tiefenbrunner bei einem ihrer Kabarett-Abende. FOTO: Barbara Scheck
Saarbrücken. Zeit, Adieu zu sagen: Das Theater Leidinger in der Mainzer Straße muss zum Jahresende schließen. 21 Jahre fanden hier Theater, Kabarett und Musik eine Heimat. Von Susanne Brenner

Die Nachricht wird viele Kulturfreunde traurig stimmen:  Ende des Jahres schließt das Theater Leidinger für immer. Die Kleinkunstbühne war über 20 Jahre im Hotel Leidinger in der Mainzer Straße zu finden. Liebevoll und mit immer wieder verblüffender Selbstverständlichkeit gesponsert von Hotel-Chef Gerd Leidinger.


Aber  jetzt ist Schluss. Nicht weil Leidinger des Sponsorings müde wäre, das nicht. Das Gebäude, in dem der schöne Theaterraum ist, wurde verkauft – wie man hört, soll in diesem  Bereich der Mainzer Straße eine Erlebnisbrauerei entstehen. „Leider steht uns ab 2019 der Raum Centro nicht mehr zur Verfügung“, bestätigt  Gerd Leidinger gegenüber der SZ. Für die Kultur in der bisherigen Form ist schlicht kein Platz mehr.

Und wie es so oft ist: Wenn etwas nicht mehr da ist, fällt einem erst so richtig auf, was man daran hatte. 20 Jahre lang gab es fast an jedem Wochenende in der Mainzer Straße 10 Kleinkunst, Kabarett oder auch Liederabende. Mit den künstlerischen Gästen wehte hier immer auch ein bisschen weite Welt herein.



Manche Gastspieler hielten dem Theater und Saarbrücken über viele Jahre die Treue. Johannes Kirchberg aus Hamburg etwa, der mit wirklich jedem seiner neuen Programme vorbeikam. Oder Scarlett O und Jürgen Ehle aus Berlin. Annette Kruhl war oft in Saarbrücken. Und Kurt Knabenschuh. Und Madeleine Sauveur. Und Sascha Gutzeit. Und die Camerata Minsk ungezählte Male. Und und und . . .

Tina Häusermann und Fabian Schläper kamen sogar noch mit ihren Vorpremieren nach Saarbrücken, als ihre Karriere längst über die kleinen Säle hinausgewachsen war. Und sogar ein Max Uthoff, der heute zu den Stars der ZDF-„Anstalt“ zählt, fing im Leidinger mal klein an. „30 Zuschauer hatte er“, erinnert sich Barbara Scheck und schmunzelt.

Vor allem auch für die saarländische Kleinkunst-Szene war das Leidinger ein guter Ort. Das Ambiente und die Umgebung waren und sind so gediegen, dass sich auch  ältere Semester hin trauten, die mit eher alternativen Spielstätten vielleicht fremdeln. So war hier zum Beispiel auch ein schöner Ort für die klassischen Gesangsabende, die der Kulturverein KuBe veranstaltet.

Für Chanson war der schöne, kleine Saal ebenfalls ein passender Rahmen. Susan Ebrahimi feierte mehrere Premieren hier. Barabara Dunkel und Wolf Giloi zeigten ihre hoch gelobten Programme. Petra Lamy demonstrierte im Leidinger ihre Klasse als Sängerin („das war ein Highlight“, sagt Barbara Scheck). Chansonnier Marcel Adam füllte alljährlich die Ränge (und gibt am 8. Dezember sein allerletztes Konzert hier).

Und natürlich: das Homburger Frauenkabarett. Die Gastspiele der Traditions-Truppe waren stets im Voraus ausverkauft und neben Marcel Adam tatsächlich eine der wenigen verlässlichen Einnahmequellen des Leidinger. „Die haben einen Großteil unserer Scheinwerfer bezahlt“, meint Peter Tiefenbrunner.

Alles andere, was hier an Kultur lief, war Zuschussgeschäft – existierte dank der Unterstützung des Hoteliers. Leidinger stellte die Theaterräume, ließ den Flügel warten, verköstigte die Künstlerinnen und Künstler und brachte die Auswärtigen in seinem Hotel unter. Ein Grund für die Beliebtheit Saarbrückens bei den Gastkünstlern, die das schöne Ambiente und das legendäre Frühstück im Leidinger schätzten. Feste Gage gab es nämlich keine. „Das hätten wir uns nicht leisten können“, sagt Peter Tiefenbrunner. Die Künstlerinnen und Künstler spielten „gegen Eintritt“, wie man so sagt.

Einen Gewinn machen mit Kultur konnte das Leidinger damit nicht, zumal bei anspruchsvolleren Programmen schonmal nur eine Handvoll Zuschauer da waren. Im Gegenteil, er legte drauf – „mehr als 200 000 Euro in 20 Jahren“, sagt er. Sogar ein kleines Gehalt zahlte der Hotelier dem künstlerischen Leitungs-Team Brunner und Scheck. „Und er ließ uns immer machen“, sagt Barbara Scheck, „er hat sich nie ins Programm eingemischt“. „Und“, sagt Peter Tiefenbrunner, „nach Auslastungszahlen hat er auch nicht gefragt“. Bis heute sind die beiden über diese Großzügigkeit und Freiheit verblüfft.

Aber noch verblüffter seien sie gewesen, erzählen sie, als unlängst sogar ein Profi aus dem Kulturamt der romantischen Vorstellung anhing, von Kleinkunst-Gastspielen wie im Leidinger könne man leben. „Wir haben auch nie städtische Zuschüsse bekommen“, sagt Tiefenbrunner. Denn Kleinkunst gilt nach den städtischen Förderrichtlinien eher als Mainstream.

Dabei hat man vor allem in den Anfangsjahren ganz schön verrückte Sachen gemacht, erinnern sich die beiden. Zur Saison-Eröffnung wurde da schonmal das gesamte Hotel bespielt. „Ich weiß noch, wie ich Jandl sprach und dabei im Aufzug rauf und runter fuhr“, erinnert sich Peter  Tiefenbrunner. „Oder wie Wolf Giloi auf dem künstlichen Felsen im Hof jodelte“.

Viele Erinnerungen haben Brunner und Scheck im Laufe der Jahre gesammelt. Als beim Gastspiel der Rio-Reiser-Band allen Ernstes das Bier ausging. Oder sie wochenlang kehrten, weil ein Zauberer in seiner Show eine große Glasscheibe zu Bruch gehen ließ. Oder, besonders gruselig: als ein bayerischer Kabarettist auf offener Bühne eine rohe Leber verzehrte. „Da waren einige in der ersten Reihe etwas mitgenommen“, sagt Peter Tiefenbrunner, und auch Barbara Scheck schüttelt sich bis heute, wenn sie daran denkt. Aber vor allem haben die beiden die Erinnerung an viele schöne Abende, an den Kontakt mit vielen wunderbaren Künstler-Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Republik.

Wie geht es nun aber mit ihnen selbst jetzt weiter? Nach 20 Jahren plötzlich ohne Leidinger? Hier standen sie als Kabarett-Duo Brunner & Barscheck auch selbst regelmäßig auf der Bühne. Peter Tiefenbrunner, soviel steht fest, wird auch weiter Kabarett und Theater machen. Seit  13 Jahren hält er bei SR2 Kulturradio mit „Brunners Welt“ zudem die Fahne des Polit-Kabaretts hoch und wird das auch weiterhin tun. Aktuell engagiert er sich stark für „Swing Heil“, ein musikalisches Stück über die Jugendlichen, die wegen ihrer Begeisterung für Jazz und Swing ins Jugendkonzentrationslager Moringen kamen. Elf Leute brachte er dafür auf die Bühne, zahlreiche Gastspiele in Deutschland und Frankreich gab es schon und wird es weiter geben.

Barbara  Scheck ist da auch dabei. Aber im Gegensatz zu ihrem Künstler- und Lebensgefährten Peter hatte sie zeitlebens einen Brotberuf neben der Kunst. „Jetzt bin ich in Rente“, sagt sie zufrieden. „Und ich singe in zwei Chören, das lastet mich aus“. Größere künstlerische Projekte, auch das Kabarett Brunner & Barscheck, will sie erstmal nicht mehr angehen.

Aber sie fragt sich schon: „Was fangen wir nur mit all der freien Zeit an?“. Viele Jahre waren die Wochenenden mit der Betreuung der Abende im Leidinger verplant. Und nun? „Mal was anderes ankucken“, einfach selbst ins Theater oder Konzert gehen, sagt sie, darauf freut sie sich trotz aller Wehmut.

Geburtstagsfeier 1998: Jürgen Reitz, Bettina Koch, Gerd Leidinger (Zweiter von rechts) gut gelaunt. Und: Andrea Wolf (links), Wolf Giloi (rechts).
Geburtstagsfeier 1998: Jürgen Reitz, Bettina Koch, Gerd Leidinger (Zweiter von rechts) gut gelaunt. Und: Andrea Wolf (links), Wolf Giloi (rechts). FOTO: barbian,uli
Vor ihr war kein Stäubchen sicher. Bettina Kochs Auftritte als wild gewordene Putzfrau im damaligen Bistro des Hotels waren ein Renner.
Vor ihr war kein Stäubchen sicher. Bettina Kochs Auftritte als wild gewordene Putzfrau im damaligen Bistro des Hotels waren ein Renner. FOTO: fineart
Ende des Jahres ist hier vor allem ein Hotel, das Leidinger ist dann kein Theater mehr.
Ende des Jahres ist hier vor allem ein Hotel, das Leidinger ist dann kein Theater mehr. FOTO: leidinger