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Klinikum Winterberg: Lachen gegen Angst, Langeweile und Schmerz

Klinikum Winterberg : Lachen gegen Angst, Langeweile und Schmerz

Wer im Krankenhaus ist, hat nichts zu lachen. Marie-Gabriele Massa und Henning Leidinger tun in der Kinderklinik etwas dagegen.

Der kleine Junge schaut ernst und tut so, als würde ihn nicht interessieren, was in diesem Zimmer passiert. Er schlendert über den Flur im Erdgeschoss der Kinderklinik auf dem Saarbrücker Winterberg. Er bewegt sich so, wie er wohl denkt, dass man sich bewegt, wenn man ganz unauffällig sein will. Der Junge versucht, einen Blick ins das Zimmer zu werfen, dessen Tür nur angelehnt ist, schlendert dann aber weiter, als er ein etwas lauteres Geräusch hört. Die Neugier treibt ihn zurück zur Tür. Was immer da drin vor sich geht, es scheint nicht gefährlich sein. In dem Zimmer wird gelacht.

Hinter der Tür erklären Lolek und Tilotamma, was sie alles können. Musik machen zum Beispiel. Oder furzen. Oder zaubern. Oder ein Mittagsschläfchen machen. Oder jonglieren. Okay, das mit dem Mittagsschläfchen und dem Furzen nehmen sie zurück. Viktoria entscheidet sich eh fürs Zaubern. Sie ist eins der Kinder, die die beiden Klinik-Clowns an diesem Morgen besuchen. Ihre Eltern sind auch dabei. Das ist gut so, erklärt Tilotamma, die eigentlich Marie-Gabriele Massa heißt und seit 15 Jahren Kinder als Clownin zum Lachen bringt. Wenn ein Kind krank ist, sagt sie, dann ist davon die ganze Familie betroffen. Warum also, sagt sie, soll nicht auch die Familie gemeinsam lachen dürfen in so einer schwierigen Situation?  Lachen ist ein Medikament, finden die beiden Clowns.

Tilotamma hat einen „Beipackzettel“ für diese Arznei dabei. Das „traditionelle Arzneimittel“ soll „zugänglich für Kinder aufbewahrt werden“, steht da. Denn: Lachen ist gut für Geist und Körper, entspannt, verbessert die Atmung, stärkt das Immunsystem, das Herz und den Kreislauf. Beim Lachen werden Endorphine freigesetzt, was wiederum die Stimmung verbessert und die Schmerzen reduziert. Außerdem macht Lachen auch gesund. Das sei wissenschaftlich erwiesen.

Vom Lachen und von denen, die es auslösen, erwarte man aber keine Heilung, sagt Henning Leidinger,  der Mann, der Lolek ist. Nur weil es diese Erwartung nicht gibt, entstehe „diese Leichtigkeit“, ohne die die beiden Klinik-Clowns ihre Arbeit nicht machen könnten. „Der Clown ist ein Jetzt-Wesen“, sagt Tilotamma. Und deshalb finden Kinder und Clowns so leicht zusammen in eben dieser Leichtigkeit – weil „Kinder auch im Jetzt leben“. Kinder schleppen wenig Vergangenheit mit sich herum und sind in Gedanken nicht ständig in der Zukunft, beim nächsten Termin und bei all den Dingen, die zu erledigen sind. In diesem Jetzt sei in den Gedanken der Clowns kein Platz für das, „was nächste Woche ist oder in zwei Monaten oder erst in fünf Jahren“, sagt Tilotamma. Einige der Kinder, mit denen die Clowns lachen, sind sterbenskrank. Das wissen die beiden. Bevor sie ihre Kostüme anziehen, werden sie von einer Krankenschwester darüber informiert, wie es den Kindern geht. Ist es nur ein Hundebiss, der zu einer Entzündung geführt hat? Ist häusliche Gewalt im Spiel? Kann das Kind Deutsch?

Die Klinik-Clowns Marie-Gabriele Massa und Henning Leidinger. Foto: Rich Serra

Lolek und Tilotamma klopfen immer zuerst an der Tür und fragen, ob sie willkommen sind. Meistens sind sie das. „Alles, was wir machen, ist echt und macht auch uns Freude. Kinder haben feine Antennen, die spüren das“, sagt Tilotamma. Aber manchmal, sagt Lolek, kann ein Auftritt auch schief gehen. „Scheitern können, das gehört für einen Clown dazu“, erklärt Tilotamma. Und manchmal sei ja auch gerade das Scheitern ziemlich komisch. Für Viktoria zaubert sie an diesem Morgen Glückssterne vom Himmel. Die glitzernden Dinger aus der Clown-Trickkiste sieht auch der Junge vom Flur aus. Er lächelt. Und als seine Mutter mit einer Krankenschwester kommt und er mit ihnen in einem Untersuchungszimmer verschwindet, scheint ihm die Untersuchung keine Angst zu machen. Er schaut zurück zu diesem Zimmer und hört nicht auf zu lächeln.