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Kunst-Aktion für „Marlies Krämer Platz“ vor Saarbrücker Rathaus

Studenten sind Fans der Feministin aus Sulzbach : Kunst-Aktion für „Marlies Krämer Platz“

Mit einem Happening fordern Studenten der Hochschule der Bildenden Künste, den Platz vor der Sparkasse am Rathaus zu Ehren der Feministin Marlies Krämer umzubenennen.

Jetzt ist er offiziell umbenannt: Der Rathausplatz vorm Sparkassen-Finanzcenter heißt ab sofort „Marlies Krämer Platz“. Wer‘s nicht glaubt, geht in die FrauenGenderBibliothek Saar und guckt sich das Straßenschild an, das nach seiner provisorischen Einweihung dort aufbewahrt wird, bis es rechtskräftig angebracht ist. Außerdem wird die Sparkasse in Zukunft auf allen Formularen auch die dezidiert weibliche Bezeichnung „Kundin“ verwenden. Das kann ja wohl nicht wahr sein, meinen Sie? Richtig: Diese Behauptungen sind Teil einer polemischen Kunstaktion im Rahmen der Vorlesungsreihe „Anarchistic Art Activities“ (AAA) an der Hochschule der Bildenden Künste (HBK) Saar – eine Reaktion darauf, dass jüngst das Bundesverfassungsgericht die Klage der unbeugsamen Sulzbacher Feministin Marlies Krämer, die seit Jahren für gendergerechte Sprache kämpft, abgeschmettert hat. Jetzt zieht sie vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, und sollte der die Sparkasse in die Knie zwingen, könnte die Fiktion Realität werden.

Verantwortlich für die anarchistischen Aktivitäten unter dem Label AAA ist Professor Georg Winter, dem es dabei um Kunst und Gesellschaft und Kooperationen im öffentlichen Raum geht: Winter motiviert zu freiem künstlerischem Arbeiten an selbst gewählten Orten, mit eigenen Projektideen und auf eigene Verantwortung. Die hatte in dem Fall Camilo Berstecher, HBK-Masterstudent im Fach Media Art & Design. Berstecher, 32 Jahre alt und gebürtiger Kolumbianer, dreht einen Dokumentarfilm über die Sulzbacher Frauenrechtlerin Marlies Krämer, der von Saarland Medien mit 12 000 Euro gefördert wird. Die Doku ist seine Abschlussarbeit; im Oktober soll sie fertig sein, er möchte sie gern beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis einreichen.

Die Aktion am Freitagabend wurde nun ebenfalls gefilmt und wird in Berstechers Doku einfließen. Dass ausgerechnet Krämer selbst nicht vor Ort war, begründet Berstecher wie folgt: „Es war gar nicht vorgesehen, dass Marlies Krämer kommt –  die Szene habe ich als Überraschung für sie und die Zuschauerinnen gedacht.“ Berstecher sagt tatsächlich „Zuschauerinnen“, obwohl auch Männer zugucken (nebst Eingeweihten auch zufällige Passanten), der Beweis für die nachhaltige Wirkung der 82-jährigen Aktivistin.

Überhaupt war das Ganze eine Kamikaze-Aktion: Ordnungsamt, Polizei und Presse wussten Bescheid, berichtet Winter, doch die Sparkasse informierte er erst nachmittags – zu knapp, um noch Stellung nehmen zu können. Es ließ sich auch kein Vertreter blicken, als Juan Camilo Velasquez, Student der Hochschule für Musik Saar, zur Geige griff und musikalisch Aufmerksamkeit heischte für Schauspieler Sebastian Bungert. Der Mainzer Student der Theaterwissenschaften schlüpfte in die Rolle des Pressesprechers der Sparkasse und verlas eine Erklärung, die zum einen kurz die Erfolge der Frauenbewegung und die Verdienste Krämers aufrollte und zum anderen die Verweigerungshaltung der Sparkasse ironisch kommentierte. „An alle Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Saarbrücken und Politikerinnen und Politiker des Saarlandes: Bitte leiten Sie alles in die Wege, dass der Platz bald ganz offiziell Marlies Krämer Platz heißen wird. Machen Sie Gleichberechtigung spürbar!“ lautete seine abschließende Forderung, bevor er das unter einer Europafahne verborgene Straßenschild enthüllte und an Petra Stein von der FrauenGenderBibliothek überreichte.

Dass Bungert und Velasquez im beständigen Clinch mit der Lärmkulisse drumrum lagen, hatte eine enorme unfreiwillige Komik – vor allem Velasquez konkurrierte nicht nur mit der Saarbahn, kreischenden Autoradios und jaulenden Motorrädern, sondern lieferte sich statt eines Duetts ein veritables Duell mit dem Glockenspiel des Saarbrücker Rathauses.

„Großartig!“, befand Winter, der an diesem unberechenbaren Happening-Charakter seine helle Freude hatte. Denn ihn interessiert auch, wie man Aufmerksamkeit erregt – weshalb die zentrale und rege frequentierte Filiale gegenüber Rathaus und Johanneskirche der Sparkassen-Hauptstelle am weniger belebten Neumarkt vorgezogen wurde.

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