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Kolumne
Drachen müssen nicht fliegen können

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Wenn das Biest so schwer ist, dass es drei Leute gemeinsam auf einen Berg schleppen müssen, dann kann man sich an fünf Fingern abzählen: Das wird nichts. Ist aber nicht schlimm – war auch so schon ziemlich cool, was der Onkel da geliefert hat.

Ob ihm der Wind um die Ohren pfiff? Jedenfalls hatte mein Onkel eine Idee. Plötzlich stand er da in meinem Zimmer auf der Kühlerhaube meines Matchbox-BMWs, dass die Hinterräder in der Luft hingen, und hatte Packpapier dabei. Das sollte das freundliche Gesicht von einem Drachen werden, das immer wieder auf einen Acker knallte. Für die Montage sorgten wir alle drei, meine Tante war auch dabei, und für den Transport auf den Hügel am Dorfrand vermutlich auch, denn der Drache war so schwer – der Wind, der sich zum Mitmachen fand, konnte ihn immer nur kurz hochheben. Nicht lange. Hätten wir leichtere Holzlatten genommen, hätte sich das Lächeln des Drachens beim Runterknallen wenigstens in ein Heulen verbiegen können. Im größten Schmerz musste er noch fröhlich gucken.


Vielleicht lernt man aus so was fürs Leben. Aber ich stand als Achtjähriger erst mal mit der Schnur in der Hand herum. Die Mühe, den Drachen wieder aufzuheben, machte sich schon längst keiner mehr. Und mein Onkel war auf einmal sogar ganz verschwunden. Dafür kam weiter unten plötzlich ein Mann, der ihm verblüffend ähnlich sah (er war es, ich hatte nicht mitgekriegt, wie er sich heimlich davonschlich). Er hatte einen neuen Drachen in der Hand, der schon hoch oben in einer Böe zappelte, kaum dass er aus dem Kofferraum kam. Das Schlitzohr hatte einen Plan B gehabt, falls unser Projekt nicht funktionierte. Wir sahen zu, wie mein Onkel sich auf den Weg zu uns nach oben machte.

Er kam fünf Meter weit, dann verfing sich sein neuer Drache in einem Apfelbaum, der einzige, der dort stand. Da erkannte ich erst, dass der Mann mein Onkel war – also nicht deswegen, weil er mit etwas scheiterte. Das tat er ja auch gar nicht. Es ist das beste Drachenerlebnis, das ich bisher hatte. Und wer als Onkel in diesem Herbst genauso cool sein will, der darf es kein bisschen besser tun als er.