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Kolumne
Im Autoscooter sind alle gleich

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Wenn der Herbst da ist, geht es in den meisten Dörfern rund. Fremde Männer kommen mit ihren Lastwagen angefahren und bauen den Traum eines jeden Jungen mit Matchboxbenzin im Blut auf dem Dorfplatz auf: die Knuppautobahn.

Der Tagesablauf eines Jungen im Dorf zu meiner Zeit war eigentlich klar durchstrukturiert: Schule, essen, Staudämme bauen, Molche fangen, Wiesen anzünden, Tore schießen, Muppet Show gucken, lesen, und ab ins Bett. Dann aber im Herbst wollte die Oma plötzlich Rotkohl und Rouladen kochen. Das konnte nur heißen: Kirmes. Lastwagen rollten auf den Platz in der Dorfmitte, wilde Typen stiegen aus und sahen sich um. Und einen Tag später, als der Bus uns am Mittag aus der Schule wieder nach Hause brachte, grüßte er schon von weitem: der Autoscooter, eine Gnuppautobahn in ihrer unbeschreiblichen Schönheit. Ein Meisterwerk der Ingenieurkunst mit lauter kleinen Wagen darin, von denen wir alle träumten, mit ihnen einfach durch die Blechbarriere zu brechen und über die Hauptstraße davon zu rauschen – nach Guadalajara oder irgendwohin, das wir nicht einmal buchstabieren konnten. Ich rannte im T-Shirt ratzfatz durch ein Brennesselfeld, um auf dem Weg zum Scooter keine Zeit zu verlieren. Dort waren wir alle gleich. Schulnoten zählten nicht mehr, Sandalen oder Markenschuhe konnte man nicht sehen, wenn wir aufs Gaspedal traten. Wer besser aus den Löchern kam, entschieden höchstens noch die Kerle, die etwas hatten, das es nicht im Laden gab: einen Schlüssel, mit dem sie jedes der Autos fahren konnten. Sie trugen abgewetzte Sachen, hatten die Haare zottelig und rasierten sich nur so oft im Monat, wie bei uns der Pastor zur Sonntagsmesse rief.


Für uns Jungs waren die Arbeiter von der Knuppautobahn ganz ungreifbare Typen, irgendwie mächtig, aber auch gefährlich. Man konnte Ärger mit ihnen kriegen. Sie setzen sich nicht hin, sondern sprangen nur auf den Gummirand, mit denen die Autos gegen die anderen prallten, blieben auch darauf stehen, wenn sie es taten, und lenkten sie rückwärts, während die Kippe im Mund sachte ihre Asche verlor. Rückwärts fahren konnten wir auch, aber wir saßen brav auf der Hartgummibank, und manche waren sogar angeschnallt. Das hätte ich besser auch getan. So aber zog ein Frontalunfall einen Schlussstrich unter die heißeste Phase meiner Scooter-Karriere. Ich knallte mit dem Gesicht gegen das Lenkrad und riss mir die Lippe auf. Danach fuhr ich erst mal wieder Karussell.

Als im nächsten Jahr Kirmes war, nahm mich ein Freund als Beifahrer mit und gewöhnte mich langsam wieder an die wilden Fahrten. Die Zeit des ungebremsten Risikos auf blankpoliertem Blechboden aber war für mich fürs Erste dann doch vorbei.