| 20:30 Uhr

Konzert
Kästner und Tucholsky einmal anders

Saarbrücken. Als Saxofonist, Komponist und Arrangeur zählt Wollie Kaiser zu den renommiertesten und kreativsten Jazzern Deutschlands. In seinem Projekt „Songs vom falschen Ende der Stadt“ zeigt sich der Wahl-Saarbrücker jetzt von einer ganz neuen Seite: als Interpret von Gedicht-Klassikern von Erich Mühsam bis Tucholsky, die er selbst vertont hat, und zu denen er Gitarre spielt. Von Silvia Buss

Der Musiker bekennt sich damit zu alten Leidenschaften. Er bewundere  Songschreiber wie Paul McCartney, Sting und die Bee Gees, hege die Idee, Texte zu vertonen, schon seit 30 Jahren, sagt er. Auch für die Gitarre hat er sich schon immer begeistert. „Sie war ursprünglich mein erstes Instrument, aber ich bin kläglich gescheitert“, findet er. Doch jetzt, im Alter von 67, fand er den Mut zum Wagnis, nur seiner Passion nachzugehen. Es hat sich gelohnt, wie sich beim Konzert im Buchladen Försterstraße im Saarbrücker Nauwieserviertel zeigte.


Wie viele Sänger haben sich nicht schon an den Gedichten von Tucholsky, Kästner, Mühsam und Ringelnatz versucht, als Chansonniers zu Klavier oder auch im Liedermacherstil mit folkigen Arrangements. Doch selten klangen diese mit viel Humor, Ironie und Sarkasmus gewürzten Texte über (scheiternde) Liebesbeziehungen oder Obdachlose so zeitgenössisch. Was weniger daran liegt, dass Wollie Kaiser sie sprachlich ein wenig „auffrischt“, sondern dass er sie rockt. Mit Marius Buck am Schlagzeug und Matze Hoffmann am E-Bass und Endi Casper an der Gitarre hat sich Kaiser drei hervorragende junge Mitstreiter dazu geholt, die nicht nur im Jazz zu Hause sind. In Kaisers Rock-Arrangements darf Casper die Gitarre virtuos jaulen lassen, Hoffmann auch mal den Bass funkig vorschieben, Buck ein Solo einschieben – und das passt wunderbar zu den alten Dichtern. Kaisers kratzig-raue Stimme hat zwar nicht viel Volumen, doch er weiß sie ausdrucksstark einzusetzen.

Kaisers Projekt verschafft aber noch eine zweite Entdeckung: die des Dichters Dieter A. Steinmann. Er schrieb die „Lieder vom falschen Ende“, melancholische Großstadtgedichte, die die Wollie Kaiser den Anstoß zu seinem Projekt gaben. Steinmann, der nach einem bewegten Leben, das ihn von Merchweiler über Berlin und München wieder nach Saarbrücken führte, arbeitet heute als Redakteur beim Saaramateur. Geschrieben habe er schon immer, auch Erzählungen und Romane, sagt er. Doch kein Saar-Verlag habe sie bisher haben wollen. Den titelgebenden Gedichtband hat er daher als Book on demand selbst herausgebracht. Für den Folge-Band interessiere sich der Maro-Verlag, erzählt Steinmann. Von Wollie Kaisers Vertonungen ist er begeistert. „Ich habe sie schon dreimal gehört, und jedes Mal klang es anders“, sagt er. Dass sich seine Texte so gut vertonen lassen, ist kein Zufall. Er singe sich die Texte beim Schreiben vor, erklärt Steinmann. Und habe nebenbei auch Schlager- und Volksmusik-Texte geschrieben. Mit mehr Erfolg: „Das kleine Dorf meiner Kindheit“ hätten die „Scheunenmusikanten“ sieben Wochen in den SR3-Charts gehalten, verrät er und verhehlt nicht, wofür sein Herz mehr schlägt. „Ich bin ja schon rot geworden, als ich hörte, mit welchen Leuten ich hier bei Wollie in eine Reihe gestellt worden bin.“