Theaterfestival : Theater bringt Menschen zusammen

Die zehnte Auflage des „Grafiti-Festivals“ begeisterte das Publikum aus zehn verschiedenen Ländern.

Aus dem dritten Stock des Saarbrücker Schlosses schallt Musik ins sonnengeflutete Treppenhaus. Scharen vielsprachiger Grüppchen aller Couleurs folgen dem Beat nach oben ins Foyer und legen, vom dargereichten Crémant befeuert eine erste heiße Sohle auf die ehrwürdigen Schlossfließen.

Es ist Montagabend – die feierliche Eröffnung der 10. Ausgabe des „GrAFiTi“-Festivals, dessen Name frei übersetzt „Internationales studentisches Theaterfestival in der Großregion“ bedeutet. Viele junge, theater- und tanzaffine Menschen zwischen 20 und 40 Jahre alt sind aus insgesamt zehn Ländern angereist, um das Jubiläum, die Kunst und wohl auch sich selbst ausgelassen zu feiern. Peter Gillo, Direktor des Regionalverbands Saarbrücken, hat ebenso allen Grund zu feiern. „Das Festival ist genau die richtige Antwort auf die spalterischen Kräfte in Europa“, freut sich der just wieder ins Amt gewählte Hausherr – und bekommt nach der prompten Übersetzung durch die stellvertretende Leiterin Nina Roob mächtig Szenenapplaus. Als Martin Haberstroh, der vor zehn Jahren das Festival aus der Taufe hob, zum Mikrofon schreitet, wird es laut wie bei einem Teenie-Konzert: Die Anwesenden klatschen, schreien, pfeifen und trampeln frenetisch, bis der sichtlich gerührte Haberstroh zu Gehör kommen darf. Sein nostalgischer und gleichfalls ironischer Rückblick, in dem er sich studierend und theaterspielend in Europa, aber in keinen Übersetzungen verlor, endet mit seinem Appell zum freiwilligen Engagement und dem Bekenntnis arm zu sterben. Applaus, der auch die witzige Selbst-Persiflage des debütierenden Festivalleiters Peter Haaf einrahmt, bevor die crémantgetränkte Ausgelassenheit tanzend das Schloss dominiert.

Ernster fällt dagegen das sich unmittelbar im Keller anschließende erste Theaterstück „Zaátari“ der mexikanischen Gruppe „Soul Play“ aus. In Analogie zur griechischen Mythologie werden das Schicksal von Flüchtlingen und häusliche Gewalt verhandelt – der an die Decke projizierte Prompter übersetzt das Stück für die nicht Spanischsprachigen ins Englische – die Schauspieler überzeugen mit ausdrucksvollem, subtilem Spiel. Dass die aus Mexiko angereisten Akteure zugegen sind, ist dem Herzblut der engagierten Organisatoren und der Unterstützung hiesiger Bildungsinstitutionen zu verdanken – so eine weite Reise will finanziert sein – ebenso die Unterbringung. Der erste Abend endet gediegen plauschend im Garelly-Haus, wo im Erdgeschoss die Woche über die Festival-Kantine installiert ist – und in der ersten Etage der Club zum geselligen Tanzen und Verweilen abends seine Pforten öffnet. Ohne die Heerschar von ca. dreißig Freiwilligen, in der Überzahl Studierender, wäre dies freilich nicht zu stemmen.

Wie schon in den vergangenen Jahren werden nicht nur Stücke aufgeführt. Es geht – das Festival-Motto „Living Rooms“ aufgreifend – um den interkulturellen Austausch der Kunstschaffenden, das Entwickeln von Ideen, beispielsweise in den Workshops auf dem Campus der Universität. Und auch „work in progress“ ist hautnah zu erleben. „In einem unbekannten Land“ heißt das Stück, an dem die bereits im letzten Jahr die eingeladene Trierer Truppe „Com-guck“ öffentlich im Theatersaal der UdS probte und jetzt kurzerhand die rund 80 Zuschauer zu aktiven Akteuren macht – als geflissentlich umsorgende Väter und Mütter der frisch geschlüpften, bedürftigen Larven. Das bringt alle zusammen: spontan, intuitiv, hautnah, grenzenlos. Obwohl auf den T-Shirts der geistig und körperlich beeinträchtigten Schauspielerinnen und Schauspieler „exklusiv“ steht, „sind wir eigentlich inklusiv“, scherzt die Leiterin. Inklusiv, exklusiv? „Wer dabei ist, gestaltet mit“, merkt Festivalleiter Haberstroh an. Ein Festival solle ein Forum schaffen – Freiräume für sich erprobende Kunst. „Da werden viele Lücken geschlossen und gleichzeitig tun sich neue auf, vieles ist ungewiss“, bekennt er. Und darum ist es eben nicht ausgeschlossen, dass Stücke unterschiedlichster Provenienz und in verschiedensten Sprachen dargeboten werden, auch wenn das „nicht so geplant war.“ Am Dienstag werden vier junge estnische Studenten in dem kompositorisch ausgefeilten Stück „The Harvest“ mit den Fallstricken eines Ernteeinsatzes konfrontiert, der sich als grandios dargebotenes Fanal eines existenziellen Kampfes à la Sisyphos entpuppt. Das Publikum ist begeistert, obwohl das Stück durchgehend in estnischer Sprache vorgetragen wird. Alterität als Kollektivität? Im „Inner Circle“ des Festivals scheint die Vision zu funktionieren und Raum zu greifen an den über die Stadt verteilten Spielstätten Uni, Garelly, Sparte und Tiv. Bis Samstag heißt es „pay what you want and get what you can.“