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Eine Ausstellung auf Zeit in der Halbergstraße
Traurige Geschichten und codierte Liebesbriefe

Ein Blick in die Ausstellung in der Halbergstraße.
Ein Blick in die Ausstellung in der Halbergstraße. FOTO: Polina Trishkina
Saarbrücken. Eine ungewöhnliche Gemeinschaftsausstellung in einem leerstehenden Gebäude in der Halbergstraße. Von Nicole Baronsky-Ottmann

In einem leerstehenden Gebäude in der Saarbrücker Halbergstraße wird fleißig gewerkelt und gemalt. 17 Künstlerinnen und Künstler aus Hamburg, Berlin, Kiel und Saarbrücken stellen hier zehn Tage lang ihre Werke aus, von denen die meisten direkt vor Ort in den großen, weiten Räumen entstanden sind.


Vorausgegangen war, dass die freie Künstlergruppe Quarantäne, deren Mitglieder aus Hamburg, Berlin und Kiel stammen, eine Anfrage für eine gemeinsame Ausstellung an die Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) gestellt hatte. Prof. Georg Winter vermittelte, und jetzt stellen zehn Studierende der HBK gemeinsam mit der Künstlergruppe Quarantäne und Studierenden der Muthesius Kunsthochschule Kiel aus.

Das Reizvolle an der Ausstellung ist, dass einerseits die Studierenden experimentellere Werke wagen als gewöhnlich. Vor allem aber ist die Ausstellung davon geprägt, dass die vier Künstler von Quarantäne und die drei Studierenden aus Kiel bereits länger in der Völklinger Handwerkergasse zusammenwohnen und arbeiten. So konnte man sich kennenlernen und auch gegenseitig inspirieren.



Eine daraus entstandene Koproduktion ist die Arbeit von Elena Kaludova aus Berlin und Polina Trishkina von der HBK. In „Halt die Klappe“ haben die beiden aus alten, verrosteten und gefundenen Müllschlucker-Klappen eine beleuchtete Installation gebaut. Auch Leonid Kharlamov von Quarantäne und Bahzad Sulaiman von der HBK zeigen ihre Werke in einem Raum im Keller direkt nebeneinander. „Ich habe sieben Künstler gebeten, vor der Kamera ihre traurigste Geschichte zu erzählen, die man aber nicht verstehen kann. Mir geht es dabei um persönliche Schicksale und um das Tabu, vor einer Kamera zu weinen“, erklärt Kharlamov. Bahzad Sulaiman hat ebenfalls verschiedene Schicksale miteinander verbunden, inspiriert von der Tradition des Lesens aus einer umgedrehten Mokkatasse.

Ein Schicksal der ganz besonderen und sehr romantischen Art ist die Installation von Katharina Hamp, Studentin der HBK. Sie hat sich von einem kodierten Liebesbrief aus dem Jahr 1907 inspirieren lassen, den sie auf einem Flohmarkt gefunden hat. „Da musste mir erstmal bei der Dechiffrierung geholfen werden“, erzählt sie. Ihr sehr kurzzeitiges Kunstwerk sind gespannte Drähte, zwischen denen sie mit einem wachsgetränkten Docht den Satz aus dem Brief „Ich will dich nicht dazu zwingen“ geschrieben hat, der verbrennen wird. Außerdem ist die Lesung des kodierten Briefs von Joachim Güth zu hören.

Neben dieser zarten, vergänglichen und poetischen Arbeit wirkt die Wandgestaltung von Marc Pospiech umso dramatischer. Der Quarantäne-Künstler hat sich von seinen Tagen in Völklingen zu einer großen, dunklen, düsteren Installation inspirieren lassen, in der schwarze Figuren vor dem Fluss der Unterwelt „Styx“ präsentiert werden. Emotional und beeindruckend – wie auch die übrigen Arbeiten der Gemeinschaftsausstellung.

„Quarantäne 9“, eine Ausstellung von HBK Saar, Muthesius Kunsthochschule Kiel und  Künstlergruppe Quarantäne, ist bis 30. September, 16 bis 19 Uhr, in der Halbergstraße 13, zu sehen.