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Menschen bei „Sonntags ans Schloss“
Von Buletten, Blues und Brummifahrten

Josef Memesheimer besucht seit 30 Jahren die Konzerte von „Sonntags ans Schloss“ – und versorgt die Musiker und Gäste mit Frikadellen.
Josef Memesheimer besucht seit 30 Jahren die Konzerte von „Sonntags ans Schloss“ – und versorgt die Musiker und Gäste mit Frikadellen. FOTO: Kerstin Krämer
Saarbrücken. „Sonntags ans Schloss“ hat treue Fans: Josef Memesheimer, auch bekannt als Frikadellen-Jupp, ist einer von ihnen. Von Kerstin Krämer

Wer sich mit Josef Memesheimer verabreden möchte, bekommt einen Eindruck davon, wie sich Carl Bernstein und Bob Woodward gefühlt haben müssen – jene Reporter der Washington Post, die in der Watergate-Affäre recherchierten: Sie waren darauf angewiesen, dass ihr Informant sich meldete. Genau so ergeht es einem mit Joseph Memesheimer, denn der Mann ist nicht erreichbar. Memesheimer hat – vorübergehend jedenfalls – kein Handy und nicht einmal einen Festnetzanschluss, geschweige denn einen Computer. Wenn er einen anruft, tut er das von einer Telefonzelle aus.


Sitzt man ihm endlich gegenüber, wird rasch klar, dass Memesheimer, 69, zwei große Leidenschaften hat: Brummifahren und Blues. Seit 60 Jahren wohnt Memesheimer in Burbach, das ist sein Kiez; hier will der gebürtige Bayer, der sich durch und durch als Saarländer fühlt, auch nicht mehr weg.

40 Jahre lang war er Fernfahrer mit Leib und Seele. Sechs Millionen Kilometer hat er mit dem Lkw runter gerissen, im Schnitt 5000 pro Woche. Memesheimer steuerte seinen Brummi durch ganz Europa, aus kulinarischen Gründen am liebsten durch Italien und Frankreich. Aber auch von Moskau bis Bagdad. „Eine kurze Tour dauerte vier Wochen, eine lange mehrere Monate“, erzählt Memesheimer. Oft war der Ostblock das Ziel, und Memesheimer kann tolle Geschichten erzählen: Wie er Fleisch aus der DDR zur französischen Armee fuhr oder EU-Butter nach Moskau, die er wundersamerweise als deutsche Markenbutter wieder zurück kutschierte.



Aber insgesamt habe das Leben als internationaler Fernfahrer wenig mit den Abenteuern zu tun, die Manfred Krug und Rüdiger Kirschstein in der Fernseh-Serie „Auf Achse“ erlebten, winkt Memesheimer ab. „So wild war das alles nicht. Mir haben sie ein einziges Mal den Lkw leer geräumt, samt meiner Schmutzwäsche, und das war in Köln.“

Meist war er allein unterwegs; was er jedoch stets dabei hatte, waren bis zu 300 Blues-CDs als akustischer Reiseproviant. In Moskau, erzählt Memesheimer, habe es sogar mal einen Plattenladen gegeben, wo man CDs am laufenden Meter kaufen konnte. Bei Fahrten gen Osten hörte er auch gern den Blues-affinen DDR-Sender DT64. Bei diesen Erinnerungen fangen Memesheimers blaue Augen an zu blitzen – das Blues-Fieber lässt sie leuchten. Infiziert wurde er von der Plattensammlung des Vaters eines Schulfreunds. Memesheimer wurde selbst zum Jäger und Sammler, heute nennt er knapp 16 000 Blues-CDs sein Eigen. „Und fast alles davon habe ich auch live gehört!“, sagt er stolz.

Muddy Waters etwa hat er in der Saarbrücker Uni-Aula erlebt, Jimi Hendrix in England. „Ich bedaure nur, dass es im Saarland keine Blues-Location gibt wie den Ducsaal“, seufzt er. Der Musikclub im rheinland-pfälzischen Freudenburg wurde zu seinem zweitem Wohnzimmer.

Im Ducsaal fing auch die Sache mit den Buletten an, die Memesheimer den Spitznamen „Frikadellen-Jupp“ einbrachte. „Die Jungs von Dr. Mablues & the Detail Horns jammerten mir vor, dass sie nie Zeit hätten, was zu essen, wenn sie in Saarbrücken bei der Blues-Matinée spielten“, erzählt Memesheimer. „Ich sagte: Kein Problem, ich mach Euch was!“ Denn natürlich sitzt der Blues-Fan im Sommer auch bei jeder Matinée der Reihe „Sonntags ans Schloss“ in vorderster Front – und das seit 30 Jahren.

Memesheimer bereitete also drei Kilo Buletten zu, nach eigenem Rezept – mit Dürrfleisch, Schinkenwürfeln, Eiern, Zwiebeln, Knoblauch und Ajvar, einer jugoslawischen Gewürzmischung. Und weil der Frikadellen-Jupp ein großes Herz hat und seine Verpflegung auch bei den Leuten an seinem Tisch gut ankam, wurde die Sache zur Tradition: Seit gut 13 Jahren bringt Memesheimer jeweils zur ersten und letzten Matinée der Saison Frikadellen mit. Zur Soirée schafft er es so gut wie nie, weil er seit vier Jahren Taxi fährt. Da muss er sonntags früh ins Bett, weil um vier Uhr in der Früh der Wecker klingelt. Ruhestand ist keine Option. „Was soll ich machen?“, fragt er. „Ich bin Witwer. Ohne Arbeit kann ich nicht leben.“ Wieder Brummi zu fahren, würde ihn zwar reizen, aber der Blues geht vor. Memesheimer guckt entsetzt: „Dann wäre ich ja wieder ständig unterwegs und könnte sonntags nicht zur Matinée!“