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Lauter nackte, bunte Männer
Ist es mutig, dass eine Frau „sowas“ macht?

Sie ist eine der berühmtesten Fotografinnen Deutschlands. In der Stadtgalerie lässt sich Herlinde Koelbl inmitten ihrer „Manns-Bilder“ fotografieren.
Sie ist eine der berühmtesten Fotografinnen Deutschlands. In der Stadtgalerie lässt sich Herlinde Koelbl inmitten ihrer „Manns-Bilder“ fotografieren. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Die Künstlerin Paula Winkler hat ihre bunten, nackten Männer über eine Sex-Plattform gefunden. Von Isabell Nina Schirra

„Von mir sind die nackten, bunten Männer in der oberen Etage“. Paula Winkler meint ihre männlichen Akte, die ebenfalls Teil der Ausstellung „In the cut – Der männliche Körper in der feministischen Kunst“ sind. Wie Herlinde Koelbl fotografiert die 1980 in Berlin geborene Paula Winkler nackte Männer aus einem weiblichen Blickwinkel. Dass sie jedoch einer ganz anderen Generation wie Koelbl angehört, erkennt man schon daran, wie sie ihre Fotomodelle aufgetrieben hat: Die hat sie nämlich einfach über eine Sex-Plattform angeschrieben und überzeugt, sich für ihr Foto-Projekt „Exceptional Encounters“ auszuziehen. Und die Männer waren von ihrer Idee „hellauf begeistert“, wie sie sagt, auch wenn für viele die Situation anfangs befremdlich und ungewohnt war. Winkler berichtet, dass einige Männer es als „mutig“ empfanden, dass eine Frau sowas macht, obwohl sie je diejenigen waren, die sich auszogen. Meint mutig in dem Fall ungewöhnlich? Wahrscheinlich schon.


Um die Frage zu beantworten, warum sie sich ausgerechnet dieses Thema ausgesucht hat, muss Winkler etwas ausholen. Sie berichtet, dass sie in Ost-Berlin geboren ist, gerade neun Jahre alt war, als die Mauer fiel. „Bis dahin bin ich quasi ohne Werbung aufgewachsen“, erzählt sie. Ihr Körperbild war entspannt. „Eine krasse Unterdrückung der weiblichen Sexualität“ habe sie ebenfalls nicht erlebt.

Dennoch wurde ihr schnell klar, dass der weibliche Körper wie eine Ware gehandelt wird, „die absurdesten Produkte werden mit nackten Frauenkörpern beworben“, sagt sie. Zudem, erzählt sie, dass männliche Aktaufnahmen, häufig aus einem homoerotischen Blickwinkel fotografiert sind, und ein männliches Begehren inne haben. „Ich merke dann einfach, dass das nicht für mich gedacht ist und wollte den Blick umdrehen“. Außerdem habe sie sich intensiv mit „Queer Theory“ befasst und schließlich einfach auch ein Thema für ihre Abschlussarbeit gebraucht. „Ideen reifen, und irgendwann macht man es dann halt!“



Ein Urteil über die Reaktionen zu ihrer Arbeit zu fällen, fällt Paula Winkler schwer. „Meistens kommen ja nur die Leute auf einen zu, die es gut finden“, sagt sie – und lacht. „Aber ich glaube, viele Männer würden auch gerne genauer hinsehen, aber haben Angst, dann als schwul zu gelten“. Auch hier wird klar, dass der nackte, männliche Körper weder in der Gesellschaft, noch in der Kunst zur Normalität geworden ist. „Blicktraditionen formen sich über Jahrhunderte, das ändert sich nicht durch 20 Jahre fotografierende Frauen“, betont Winkler. Es gibt also noch Luft nach oben.

Und auch den Ist-Zustand unserer heutigen Gesellschaft sieht Winkler als auf „wackligen Beinen“ stehend. „Ich bin groß geworden mit dem feministischen Erbe, das ist toll, und ich bin dankbar“, sagt sie. Allerdings müsse man sich darüber klar werden, dass das nicht selbstverständlich, sondern ein Privileg sei. Die Gesellschaft hat es sich bequem gemacht, und gerade in Städten wie Berlin, wo nahezu alles möglich ist, „findet man sich in einer Art Blase“ wieder, in der alles in Ordnung scheint.

Auch wenn sich in den „letzen Jahren etwas getan hat“ und „es deutlich mehr Ausstellungen gibt, als vor zehn Jahren“, die sich mit dem weiblichen Blick auf den männlichen Körper befassen, ist das Thema noch lange nicht im Mainstream angekommen. „Das weibliche Begehren in der Kunst ist so interessant, weil es noch immer so selten ist“, findet Paula Winkler.

Mit einer gehörigen Portion Ironie inszeniert Paula Winkler „ihre“ Männer. Die Hamburger Künstlerin zeigt ihre Bilder ebenfalls in der Schau „In the cut“ in der Stadtgalerie.
Mit einer gehörigen Portion Ironie inszeniert Paula Winkler „ihre“ Männer. Die Hamburger Künstlerin zeigt ihre Bilder ebenfalls in der Schau „In the cut“ in der Stadtgalerie. FOTO: Iris Maria Maurer