Stadt-Land-Gegensatz Ist die Stadt Zukunft, das Land Vergangenheit?

Saarbrücken · Weltweit ziehen jeden Tag etwa eine Million Menschen vom Land in die Stadt. Das Land hat dennoch Zukunft, sagt der Saar-Umweltminister.

   Weltweit ziehen jeden Tag etwa eine Million Menschen vom Land in die Stadt.

Weltweit ziehen jeden Tag etwa eine Million Menschen vom Land in die Stadt.

Foto: BeckerBredel

Der ländliche Raum ist zum Sterben verurteilt? Die Zukunft liegt in der Stadt? Nein, sagt der Ortsvorsteher von Siersburg, so pauschal könne man das nicht sagen. Man müsse gezielt etwas tun für die Gemeinden auf dem Land. Mit man meint der Ortsvorsteher zum Beispiel die Landesregierung. Und da trifft es sich gut, dass der Ortsvorsteher von Siersburg da drin sitzt, und zwar als Umweltminister.

Dass der Minister in diesen Tagen im Forum der Saarbrücker Zeitung in der Eisenbahnstraße vehement die Zukunft des ländlichen Raums beschwor, lag an zwei Männern, die dort mit ihm auf dem Podium saßen: Hannes Taubenböck und Jörgen Kopper. Hannes Taubenböck ist Wissenschaftler im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Jörgen Kopper ist Landesvorsitzender des Verbands beratender Ingenieure und hatte Taubenböck nach Saarbrücken eingeladen.

Hannes Taubenböck zeigte anhand von Aufnahmen, die aus dem All von der Erde gemacht wurden, dass immer mehr Menschen weltweit vom Land in die Städte ziehen. Es entstehen immer größere Megastädte und Ballungsräume. Das Land bietet immer mehr Menschen keine Perspektiven mehr. Was in Asien, Afrika und Amerika im Großen zu beobachten ist, seien im kleineren Stil auch Trends in Europa.

Auch im Saarland stehe man vor diesem Phänomen, sagte Jörgen Kopper. Und es stelle Ingenieure und Architekten vor große Herausforderungen. Wasserleitungen zum Beispiel brauchen einen gewissen Durchlauf, um eine gute Wasserqualität zu gewährleisten. Wenn ein Ort oder ein Stadtteil „ausgedünnt“ ist, dann werde das schwierig, erklärte Kopper. Auch die Müllabfuhr werde pro Kopf irgendwann zu teuer, wenn nicht mehr genug Menschen an einem Ort leben.

Die Probleme sind bekannt. Nicht nur dem Umweltminister, sondern auch dem Leiter der Obersten Landesbaubehörde im Ministerium für Inneres, Bauen und Sport, Hans-Peter Rupp. Die Landesregierung versuche, im neuen Landesentwicklungsplan deshalb den Interessen des ländlichen Raums ebenso gerecht zu werden, wie den Interessen der Stadt, die mit Lärm und Schadstoffen kämpft.
Wobei es oft die ärmeren Menschen seien, die unter diesen Problemen leiden, weil sie aus Kostengründen gezwungen sind, den günstigeren Wohnraum in der nähe von Hauptverkehrsstraßen und Industrieanlagen zu nutzen. Deshalb versuche das Umweltministerium „Umweltgerechtigkeit“ herzustellen, erklärte Josts Mitarbeiter Tim Otto. In Amerika sei eine Antwort auf die oft schwierige Wohnsituation das „Urban gardening“, also das Gärtnern in der Stadt. Das passiert auch in Saarbrücken. „Wenn Menschen mitmachen, gibt es eine höhere Akzeptanz fürs Wohngebiet und weniger Vandalismus“, sagt er. Um etwas für die Umweltgerechtigkeit zu tun, müsse man aber vor allem die Städte finanziell in die Lage versetzen, etwas zu tun. Da liege das Problem sagt Jost: Das Land sei eben so arm wie die Städte und Gemeinden.

Für den ländlichen Raum etwas zu tun, könne aber auch gut sein für die Stadt. Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, ziehe es zum Beispiel in die Städte, weil sie, wie Hannes Taubenbök ausgeführt hat, aus ihrer Heimat das Gefühl mitbringen: In der Stadt geht es uns besser. Jost sieht das anders: „Die Chancen der Menschen, die zu uns kommen, weil sie auf der Flucht sind, sind auf dem Land größer als in der Stadt.“ Er sei daher auch dafür, Flüchtlingen für eine gewisse Zeit eine Wohnsitzauflage“ zu machen, auch um die Stadt zu entlasten.

Die Chancen des ländlichen Raums vergrößern sich seiner Meinung nach auch dadurch, dass die Internetverbindungen dort immer besser werden. Da warnt Taubenböck allerdings vor zu viel Euphorie. Die Menschen, glaubt er, werden trotz besserer Infrastruktur auf dem Land in die Städte ziehen. Der Minister, der auch Ortsvorsteher ist, glaubt das nicht.

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