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iMove und Ambra Senatore beim Tanzfestival Saar

Performance und Jugendtanz : Wie Zeit-Druck die jungen Träume(r) verjagt

Das Tanzfestival des Staatstheaters präsentierte „zeitwärts“, eine gefeierte Uraufführung des jungen Ensembles iMove, und eine Performance in der Modernen Galerie.

Was zum Kuckuck haben Teelöffel und hart gekochte Eier in einer Tanzperformance verloren? Viel – wenn sie sich auf den Surrealisten und Dadaisten Man Ray bezieht.

Zum Ende von dessen Ausstellung in der Modernen Galerie gab’s am Sonntag drei Mal eine heiter verspielte tänzerische Intervention zu sehen: Die mit reichlich Improvisierlaune und ulkigen Reminiszensen an Man Rays Werk gewürzte „Promenade au Musée“ war der charmante Auftakt zu einem wahren Marathon-Tag im Rahmen des Tanzfestivals Saar, das noch bis Dienstag läuft.

Verantwortlich für den überraschungsträchtigen mimetischen Spaß zeichnete die italienische Tänzerin und Choreographin Ambra Senatore, Leiterin des choreographischen Zentrums von Saarbrückens Partnerstadt Nantes und Expertin für außergewöhnliche Events an besonderen Orten.

Mit Claudia Catarzi und Alix Coudray hatte sie zwei weitere Bewegungsfachkräfte als Verstärkung mitgebracht und außerdem den Musiker Jonathan Seilman, der das Ganze live an so skurrilen Instrumenten wie einer Autoharp und einem Omnichord begleitete. Unter einer Autoharp stelle man sich bitte eine tragbare Kastenzither vor; in Form und Größe recht ähnlich ist das Omnichord: eine futuristisch anmutende Erfindung des Hauses Suzuki, die Akkorde per Knopfdruck generiert und bei der man durch das Streichen über eine Metallplatte wie bei einer Gitarre Sounds artikulieren kann. Wer‘s genauer wissen will, gucke sich ein Video mit dem deutschen Comedian C. Heiland an – der benutzt so ein Teil ebenfalls.

Mit lockenden Handbewegungen lotsten Senatore und ihre Kolleginnen jeweils 30 Zuschauer durch die Ausstellung. Die drei Tänzerinnen agierten mal solo, mal gemeinsam; sie taten erstaunt, performten zu Taktellen oder stellten mit dem amüsierten Publikum Fotos nach. Parallel interagierten sie mit einer Filmprojektion und förderten hinter einem Vorhang unzählige Teelöffel zutage, auf denen waghalsig Eier balanciert wurden, von denen sich eins als hüpfender Flummi entpuppte.

Fast schon Ehrensache, dass Seilman zum Finale auf Catarzis nacktem Rücken Cello spielte – eine Hommage an Man Rays berühmtes Schwarzweiß-Foto „Le Violon d‘Ingres“.

Einen wesentlich ernsteren Ton schlug dann am frühen Abend in der ausverkauften Alten Feuerwache die Produktion „zeitwärts“ an, eine begeistert aufgenommene Uraufführung des Jugendtanzensembles iMove des Saarländischen Staatstheaters.

Unter der Choreografie von Claudia Meystre (auch Licht und Kostüme) hatten sich die 16 jungen Akteurinnen (darunter genau ein einziger mutiger Quotenmann) kritisch mit dem Phänomen Zeit beschäftigt. Das Ergebnis ist ein flammendes Plädoyer, dieses kostbare Gut nicht zu verplempern und sinnvoll zu nutzen – quasi ein getanztes „Carpe Diem!“

Kommentare aus dem Off hinterfragen das Thema: Was bedeutet Zeit für den Einzelnen? Luxuriöse Muße? Oder doch eher Stress, unter dem man sich verbiegen muss? Wir werden Augenzeuge, wie unbeschwerte junge Menschen deformiert werden, wie sie in Routinen und Schablonen gepresst werden, wie ihre Individualität und menschlichen Qualitäten unter Druck degenieren.

Aus fröhlichen, verträumten Jugendlichen werden uniforme Statisten, die sich unter den gesellschaftlichen Anforderungen wie fremdgesteuert bewegen, gehetzt umher hasten und einander dabei rücksichtslos anrempeln. Das kostet Opfer – einige gehen zu Boden und sind auch durch noch so viel liebevolle Fürsorge nicht wieder dauerhaft zu beleben.

Vor einer Leinwand, deren Saum in wechselnde Farben getaucht ist, packt Meystre das in sprechende Bilder und Sounds: Strenge Trikots wechseln mit bunten Klamotten, die wiederum durch einheitliche Overalls ersetzt werden; unbekümmerter Pop wird von kühleren, reduziert strengen Rhythmen verdrängt. Immer wieder stellt Meystre Massenchoreographien gegen intimere Szenen; stets agiert iMove mit mustergültiger Bühnenspannung und beachtlicher Synchronizität.

Die Performance „Promenade au musée“ in der Modernen Galerie mit (von links) Claudia Catarzi, Alix Coudray und Ambra Senatore. Foto: Kerstin Krämer/KERSTIN KRAEMER

Am Ende siegt das Prinzip Hoffnung, symbolisiert durch gelöste Bewegungen in bunt gemusterten, kurzen Kleidchen. Dazu braucht‘s jedoch Bewusstsein, narkotisiertes Drauflosleben ist keine Lösung: Im Schlussbild dreht eine junge Frau ein Stundenglas um – eine starke Metapher als warnendes Menetekel.