St. Johann: Im Rathaussaal ging es um Gott und die Welt

St. Johann : Im Rathaussaal ging es um Gott und die Welt

Spannende Übung in Toleranz. Saarbrücker sprachen über ihr Verhältnis zur Religion – oder warum sie an höheren Mächten zweifeln.

Am Anfang stehen die Stühle noch im Rechteck am Rand des Rathausfestsaals. Denn in der Mitte beginnt gerade eine Veranstaltung. In Aktion ist eine zehnte Klasse des Ludwigsgymnasiums.

Die Klasse führt ein kurzes Theaterstück auf, inspiriert von vier Stellen aus dem Markus-Evangelium. Danach werden die Stühle allerdings umgestellt. In den beiden Kreisen, die so entstehen, sitzen je zwei Teilnehmer einander gegenüber. Der Moderator stellt eine Frage. Jeder hat 90 Sekunden Zeit, darauf zu antworten, bevor sein Gegenüber das Wort bekommt.

Es zeigt sich: Mit anderen Menschen über Religion zu sprechen und sie sogar zu einer Antwort über ihren Glauben zu bewegen, ist gar nicht so einfach.

Dabei ist Religion für viele ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Aber wenn Menschen den Glauben des anderen nicht oder nicht richtig kennen, dann sind Probleme und Missverständnisse programmiert.

Die Macher des Saarbrücker Projektes „Patchwork City“ für ein besseres Zusammenleben in Vielfalt in Saarbrücken sind sich dieses Problems wohl bewusst gewesen. Deswegen haben sie für den vergangenen Mittwoch im Rathaus St. Johann die Veranstaltung organisiert „Was glaubst du denn? Reden über Gott und die Welt“.

Ziel ist es, Saarbrückern dieses Sprechen über ihre Religion zu erleichtern – mit Menschen, mit denen sie sonst gar nicht über so etwas reden würden. Die Gäste sitzen nicht vor einem mit Experten besetzen Podium, sondern diskutieren ganz nah beieinander.

Der 16-jährige Daniel Azovskiy sitzt der gleichaltrigen Lina Burgard gegenüber. Daniel ist orthodoxer Christ, Lina Protestantin. Sie unterhalten sich darüber, was sie beim Betreten eines Gotteshauses fühlen. „Ich respektiere jedes Gebäude, in dem irgendwie gebetet wird, ganz egal, welche Religion dort zu Hause ist“, sagt Daniel Azovskiy. „Schließlich ist das ein Gebäude, dem die Leute ihre Probleme anvertrauen.“

Lina Burgard interessiert sich besonders dafür, die anderen Religionen umfassend kennenzulernen, und zwar bis hin zur Architektur der jeweiligen Gotteshäuser.

Als die erste Frage nach den Gefühlen beim Betreten eines Gotteshauses beantwortet ist, rücken die jungen Leute im äußeren Sitzkreis um jeweils einen Platz weiter. Maryam Bonakdar nimmt den Platz von Daniel Azoskiy ein, allerdings mit etwas Verzögerung. Der vorherigen Frage hat sich ein ziemlich detailliertes Gespräch mit der älteren Dame gegenüber angeschlossen.

Die nächste Frage: „Was denkst du, wenn du das Wort Gott hörst?“ „Mir gibt dieses Wort das Gefühl, egal, wo ich bin, egal, wie es mir geht, ein Stück Heimat zu haben. Wo ich akzeptiert werde, egal, was passiert ist“, sagt Maryam Bonakdar.

Lina Burgard ist sich da nicht so sicher. Sie glaubt zwar, dass es irgendwo etwas gibt, etwas Übernatürliches, das mehr Macht hat als die Menschen auf der Erde. „Ob das aber gerade ein Gott ist, weiß ich nicht“, sagt sie.

Auch wenn sie nicht wirklich gläubig ist, hat Lina im Theaterstück vom Anfang mitgewirkt. Dafür ist aber der Glaube sowieso nicht so wichtig. In den Einstellungen der Schüler und Schülerinnen zur Religion gibt es viele Unterschiede.

Deswegen hat das Stück, das sie aufführen, auch weniger mit der Auslegung der Bibel zu tun als mit den grundlegenden Themen in den biblischen Geschichten.

Wer sie heute liest, erkennt, dass die Bibel bereits von immer noch aktuellen menschlichen Problemen erzählte. Von Ausgrenzung, Glück oder Unglück, Angst und Flucht. Und die Veranstaltung scheint den jungen Leuten dabei zu helfen, genau das zu erkennen: Die Tatsache, dass alle Religionen etwas gemeinsam haben, dass sie alle sich mit den Ängsten, Sorgen, Hoffnungen und Träumen der Menschen befassen.

Egal, zu welchem Gott die Menschen beten, und selbst wenn sie gar nicht beten: Irgendwo bewegt sie doch alle das Gleiche. Wer das begreift, der kann auch in einer Stadt der Vielfalt gut leben. Und genau das wollen die Macher von „Patchwork City“ ja erreichen.

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