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Ida Kammerloch: Nominiert für den Robert Schuman Kunstpreis

Porträt : Das vielleicht meist geküsste Gesicht der Welt

Ida Kammerloch hat für den Robert Schuman Kunstpreis einen ganz besonderen Puppenkopf inszeniert: die Rescue Annie und ihre Geschichte.

Die Künstlerin Ida Kammerloch kommt mit einem Puppenkopf zum Gesprächstermin in ein Saarbrücker Café. Dieser Kopf ist ihr wichtig, denn er ist Teil ihrer aktuellen Videoarbeit „Resusci-Anne“. Das Video ist ihr Beitrag zum Kunstpreis Robert Schuman, der am heutigen Donnerstag in Luxemburg verliehen wird.

Allein schon, dass Ida Kammerloch nur dieses Video präsentieren wird, zeigt, wie sehr sie dieser besondere Puppenkopf beschäftigt hat. Ida Kammerloch wurde in Ischewsk, Russland, geboren, kam im Alter von zwei Jahren ins Saarland. Obwohl sie immer kreativ war, hat sie lange nicht daran gedacht, Künstlerin zu werden oder Kunst zu studieren. „Ich habe zuerst Spanisch studiert“, erzählt sie.

Neben dem Studium arbeitete sie an ihrer Mappe, reichte sie dann doch an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) ein. 2012 begann die junge Frau dann doch noch ihr Kunststudium, absolvierte ihren Bachelor 2017 bei Professor Eric Lanz. Im gleichen Jahr gewann sie den Peter und Luise Hager Preis der HBK, zeigte ihre Arbeiten in Ausstellungen in Berlin, Düsseldorf, Wuppertal und auf der SaarArt.

Derzeit bereitet sie sich auf ein  DAAD-Stipendium vor, dass sie im nächsten Jahr für sechs Monate nach Moskau führen wird, wo die deutsch-russische Künstlerin ebenfalls schon ausgestellt hat.

Dass sie in der Ausstellung des Kunstpreises Robert Schuman in Luxemburg nur ein Werk zeigt, hängt auch damit zusammen, dass sie noch nie eine Arbeit zweimal ausgestellt hat. „Ich arbeite auf den Raum bezogen, daher sind die Werke nicht überall umzusetzen.“

Und dann berichtet sie, dass sie ihren geheimnisvollen Puppenkopf im Internet ersteigert hat. „Es handelt sich dabei um einen Kopf der Rescue Annie, der Kopf von den Puppen, an denen man Mund-zu-Mund-Beatmung übt.“

Dieser Puppenkopf hat eine überraschende Legende. Denn das Gesicht der Puppe wurde einer jungen Frau nachmodelliert, die um das Jahr 1900 tot in Paris aus der Seine geborgen wurde. Da ihr Gesicht so hübsch und friedlich war, nahm wohl ein Mitarbeiter des Leichenhauses eine Gipsmaske.

Als „die Unbekannte aus der Seine“ machte diese Gipsmaske vor allem bei den damaligen Pariser Künstlern Karriere, inspirierte Rainer Maria Rilke, Ödön von Horváth, Louis Aragon oder Man Ray zu Werken. Im Jahr 1958 wurde eine Puppe für Erste-Hilfe-Kurse entwickelt, die seit 1960 das Antlitz der Unbekannten aus der Seine ziert.

„Die schöne Unbekannte hatte auf diese Weise ganz viele Leben. Und als Rescue-Annie wurde sie die meistgeküsste Frau“, erzählt Ida Kammerloch lachend. Für ihre neue Videoarbeit hat sie lange nach diesem Kopf gesucht. Und sie, die grundsätzlich mit Frauenbildern in ihrer Kunst und gerne installativ und mit gefundenen Materialien arbeitet, entschied sich, ein Video zu diesem Kopf zu drehen, zu schreiben, zu fotografieren und zu sprechen.

„Meine Videoarbeit ist fragmentarisch, nicht narrativ. Es gibt Fotos, aber auch gefilmte Sequenzen und gesprochene Texte“, erklärt sie. Außerdem spielt in dem Video noch eine zweite Frau eine wichtige Rolle, eine russische Reise-Bloggerin, die ermordet wurde. „Es geht um beide Figuren, um das Leben, das Überleben, den Überlebenskampf.“

Ida Kammerloch zeigt das Video in einem kleinen Raum in der Villa Vauban. Vor der Preisverleihung ist sie nicht nervös. „Ich habe gar keine Zeit für Nervosität“, sagt sie. Es wäre auch gar nicht so wichtig, wer den Preis gewinnt, denn „bei dieser Ausstellung geht es um die Diskussionen untereinander“, erklärt sie. Und dann sagt sie noch, wie begeistert sie von ihrer Teilnahme am Kunstpreis Robert Schuman ist. Und beeindruckt. „Solch einen professionellen Ausstellungsaufbau, so viele Techniker – das sind wir nicht gewohnt.“