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Interview mit Charlotte Britz
„Ich kann mich immer noch aufregen“

Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) in ihrem Büro im Saarbrücker Rathaus. 
Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) in ihrem Büro im Saarbrücker Rathaus.  FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken . Seit 14 Jahren ist Charlotte Britz (SPD) Oberbürgermeisterin der Landeshauptstadt. Die Begeisterung für Politik hat sie sich trotz aller Schwierigkeiten erhalten. Von Ilka Desgranges

Seit 2004 ist Charlotte Britz (SPD) Oberbürgermeisterin Saarbrückens. Ihre zweite Amtszeit endet am 30. September 2019. Die Entscheidung über eine dritte Kandidatur der 60-Jährigen ist noch nicht gefallen. Doch man darf erwarten, dass sie 2019 erneut antritt. Eine dritte Amtszeit wird sie allerdings nicht bis zum Ende führen können: Mit 68 Jahren, also 2026, wäre endgültig Schluss.


100 Jahre Frauenwahlrecht. Vieles ist geschafft, vieles noch zu tun. Brauchen wir einen neuen, einen pragmatischen und unaufgeregten Feminismus?

Charlotte Britz Ich bin ja jemand, der aus der Frauenbewegung kommt, aber eben schon etwas älter ist. Und ich frage mich jedes Jahr, wo sind die Themen für die jüngeren Frauen? Ich denke, der Feminismus muss zu den Frauen insgesamt passen, zu älteren Frauen, zu jüngeren Frauen. Auf der anderen Seite haben sich Männer auch verändert, in einigen Bereichen  zumindest. Und dann haben wir ja auch mehr Frauen aus anderen Kulturen. Diese Themen müssen aufgegriffen werden.

Das wäre dann ein neuer Aspekt.

Britz Da stellt sich dann die Frage, wie man zusammenfindet. Zu dieser Frage starten wir mit der Aktionskampagne „PatchWorkCity“ in diesem Jahr einen breit angelegten Dialog zwischen den Menschen in Saarbrücken. Da geht es aber nicht nur um Feminismus.



Sie haben im Frauenhaus gearbeitet, waren Bewährungshelferin, Sozialdezernentin. Die Berufswahl beziehungsweise die Art der Beschäftigung deutet darauf hin, dass Sie helfen wollen. Mussten Sie Ihre Einstellung, Ihre Haltung ändern, seit Sie Oberbürgermeisterin sind?

Britz Ich habe den Beruf nicht ergriffen, weil ich helfen wollte. Mein Thema war Gerechtigkeit und das Verändern von Strukturen. Als Erzieherin habe ich gesehen, wie man Kinder vorbereiten kann auf ein späteres Leben. Parallel dazu war ich eigentlich schon immer politisch tätig. Ich wollte immer etwas verändern können. Das kann ich als  Oberbürgermeisterin ja auch. Aufgrund der Finanzen ist das zwar nicht einfach, man kann aber dennoch Dinge umsetzen.

Haben Sie sich denn auch verändert? Sie haben 2004 als Oberbürgermeisterin angefangen. Man hat durchaus den Eindruck, dass Sie auf Harmonie achten. Sie hatten mal den Wahlslogan „Es geht auch menschlich“ – und den hat man Ihnen dann um die Ohren gehauen. Wie halten Sie denn das durchaus harte politische Geschäft aus?

Britz  Man wird schon in Teilen härter, das erlebe ich schon. Ich denke auch, dass ich ein gewisses Misstrauen habe.  Ich bin zwar eigentlich ein harmonischer Mensch, aber im Job funktioniert das nicht immer. Ich muss Entscheidungen treffen. Das geht halt nicht immer mit Harmonie.

Und wie halten Sie das oft harte politische Geschäft durch?

Britz Ich bin immer noch jemand, der sich aufregen kann. Aushalten kann ich es, weil mein Blick  immer auf die Menschen geht. Es ist mir sehr wichtig, engen Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern zu haben. Das gibt mir Kraft. Ein einfaches Beispiel: Ich war vor kurzem bei einer Schulhofeinweihung. Und in diesen Situationen weiß ich dann, wofür ich das Ganze mache.   Man sieht dann das Produkt der Arbeit. Die Kinder haben sich gefreut, die Eltern haben sich gefreut, die Lehrer haben sich gefreut.

Der direkte Kontakt . . .

Britz . . . ist sehr zeitaufwändig, aber im Endeffekt lohnt es sich, da ich viel über Menschen erfahre.

Man kann hin und wieder den Eindruck gewinnen, dass Sie es mit der SPD-Fraktion nicht leicht haben. Oder sagen wir, dass Sie es mit dem früheren SPD-Fraktionschef Peter Bauer nicht ganz leicht hatten.

Britz Er ist halt Politiker durch und durch und vertritt seine Auffassungen, und ich auch. Die Fraktion kennt mich. Ich gehe keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Insofern war ich immer ganz dankbar, dass wir in der Fraktion diskutiert haben und immer einen Weg gefunden haben, nach außen mit einer Zunge zu reden.

Gehen wir mal weg vom reinen Regieren als Oberbürgermeisterin. Wie finden Sie denn den Ausgleich zu Ihrem Amt? Oder sind Sie 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr Oberbürgermeisterin?

Britz Man ist es das ganze Jahr über. Das ist ein Beruf, den übt man nicht aus nur zum Geldverdienen, sondern weil er Freude macht, weil man für die Menschen für die Stadt etwas verändern will. Was bestimmte Angriffe angeht, die nimmt man hin, einige  nutzen sich irgendwann ab. Das ist immer das gleiche Schema. Den Ausgleich find’ ich beim Reisen. Man muss dann auch schon mal weg aus der Stadt.

Sie sind ja auch sehr präsent in der Stadt.

Britz Ich gehe zu Fuß, ich fahre mit dem Fahrrad und werde dann auch angesprochen. Man gewöhnt sich daran, es ist Teil des Berufes und selten unangenehm. Wirklich Abstand gewinnt man aber nur, wenn man wegfährt.  Dann relativiert sich auch einiges. Ich bin schon ein Mensch, der sich verantwortlich fühlt. Aber alles kann man nicht beeinflussen. Etwa, wenn es um Sauberkeit geht. Da kann man als Stadt einen Teil machen, aber wir können nicht überall sein. Und ich sage immer: Die Stadt, das sind wir alle, und nicht nur die Verwaltung oder die Oberbürgermeisterin alleine.

Sie weisen immer wieder darauf hin, dass Saarbrücken das Oberzentrum des Landes ist, sehen aber auch das Land in Gänze.

Britz Wir sollten enger im Saarland zusammenarbeiten, denn die Konkurrenz liegt eher außerhalb als innerhalb des Landes. Deshalb bin ich die Verfechterin eines Landesentwicklungsplanes. Dann soll doch der Motorsport in St. Wendel sein, das ist die Hochburg, und bei uns ist es das Theater oder andere Dinge. Wir sollten uns in dieser schwierigen Situation nicht als Konkurrenz betrachten, sondern schauen, wo hat jeder seine Stärken.

Sie sagen das jetzt sehr gelassen. Aber manche saarländische Kommune geht dann doch wieder in den Wettbewerb zur Landeshauptstadt.

Britz Ich verstehe, dass jede Bürgermeisterin, jeder Bürgermeister seine Stadt gut darstellen möchte. Und deshalb sage ich: Lasst uns einen Landesentwicklungsplan aufstellen und Schwerpunkte setzen. Man kann dann auch das Geld entsprechend verteilen und nicht nach Gießkannenprinzip.

Saarbrücken ist nun mal das Oberzentrum.

Britz Eine Landeshauptstadt hat eine gewisse Funktion. Es gibt Zentrenmodelle: Oberzentren, Mittelzentren, Nebenzentren. Die müsste man einfach mal festschreiben. Und dann relativiert sich schon einmal vieles. Universität, Regierung, Vertretungen wie Handwerkskammer, Industrie- und Handelskammer, die gehören in das Oberzentrum. Und das wollen auch die meisten. Das ist nicht gegen die anderen Städte, das ist rein funktional so, von den Abläufen her.

Sie gehören dem Hauptausschuss des Deutschen Städtetages an. Wie wichtig ist der Austausch dort? Schärft er den Blick auf die eigene Stadt?

Britz Viele Themen relativieren sich im direkten Austausch mit den Kollegen aus anderen Städten. Man sieht die unterschiedlichsten Städte, denn wir treffen uns ja immer in einer anderen Stadt. Und ich sehe dann auch, was wir im Gegensatz zu anderen Städten schon erreicht haben. Ich fahre dann immer zurück und denke: Was haben wir für

eine tolle Stadt. Auf der anderen Seite ist der Städtetag ja auch die Vertretung der Städte. Und da haben wir in den letzten Jahren eine Menge durchgesetzt. Insbesondere das Bündnis „Würde der Städte“, dem Saarbrücken auch angehört.

Schauen wir mal in die Landespolitik. Sie sind gerade mit sehr gutem Ergebnis als stellvertretende SPD-Landesvorsitzende wiedergewählt worden. Wie wichtig ist Ihnen das?

Britz Das Ergebnis hat mich sehr gefreut und bedeutet mir viel. Ich versuche als stellvertretende Landesvorsitzende, alle Interessen zu vertreten. Es gibt eine Landeshauptstadt, aber mir sind auch die anderen Städte wichtig.

Ist man nach einem solch guten Ergebnis stärker geneigt, wieder anzutreten, um bei der Oberbürgermeisterwahl ein gutes Ergebnis zu bekommen? Bisher haben Sie nur gesagt, dass das die SPD zu gegebener Zeit entscheiden wird.

Britz Ich habe gelernt, mich nicht zu früh zu äußern.

Gehören Sie zu denen, die die Politik nicht mehr loslässt?

Britz Ich bin jemand, der schon immer gerne Politik gemacht hat. Mit 16 Jahren habe ich angefangen, bin in die SPD eingetreten. Mir hat das immer Spaß gemacht. Ich würde mich freuen, wenn sich mehr Menschen in politischen Parteien engagieren würden. Demokratie lebt halt mit Parteien. Wenn ich auf mein politisches Leben zurückblicke, kann ich sagen, dass wir eine Menge durchgesetzt haben. Das gilt  für die Frauenbewegung, aber auch für den sozialen Bereich. Das macht Politik so spannend, obwohl Demokratie auch ein hartes Geschäft ist.

Jetzt gehe ich mal davon aus, dass die SPD Sie wieder als Kandidatin benennen wird und Sie 2019 wieder zur Wahl antreten. Dennoch möchte ich Sie fragen, was würden  Sie denn ohne Politik machen?

Britz Ob Oberbürgermeisterin oder nicht: Ich werde mich immer für Politik interessieren und auch für gesellschaftspolitische Themen. Das ist Teil meines bisherigen Lebens. Und ich werde mich immer gerne einmischen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE
Ilka  DESGRANGES

Die Saarbrücker SZ-Redaktionsleiterin Ilka Desgranges im Gespräch mit Charlotte Britz.
Die Saarbrücker SZ-Redaktionsleiterin Ilka Desgranges im Gespräch mit Charlotte Britz. FOTO: Iris Maria Maurer