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Gefährliches Radfahren
„Ich fühle mich wie ein gehetztes Reh“

Radfahrstreifen sind von der Fahrbahn durch eine dicke, durchgezogene Linie getrennt. Saarbrücker Radfahrer hätten gern mehr davon.
Radfahrstreifen sind von der Fahrbahn durch eine dicke, durchgezogene Linie getrennt. Saarbrücker Radfahrer hätten gern mehr davon. FOTO: Daniel Karmann / dpa
Saarbrücken . Radfahrer lassen Dampf ab: Diskussion mit dem Saarbrücker Baudezernenten über Sicherheit im Straßenverkehr. Von Lisa Kutteruf

Heiko Lukas beantwortet viele Fragen, während er am Mittwochabend auf einem Sofa in der Ligatura sitzt. Vor dem Saarbrücker Baudezernenten haben rund 30 Menschen auf Hockern Platz genommen, um über das Thema „Von 8 bis 80 Jahren auf dem Rad: Wie können unsere Wege sicherer werden?“ zu diskutieren. Neben Moderatorin Silvia Buss geben die Veranstalter Thomas Fläschner vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Saar (ADFC) und Harald Kreutzer vom Saarbrücker Radelkollektiv den Ton an.



Harald Kreutzer eröffnet die Diskussion mit Zitaten wie „Wenn ich in Saarbrücken Rad fahre, fühle ich mich wie ein gehetztes Reh“ und trifft damit den allgemeinen Tenor: Es ist gefährlich, in Saarbrücken Rad zu fahren. Und: Es wird zu wenig getan, um diese Situation zu ändern. „Ich habe nicht das Gefühl, dass sich in den letzten 30 Jahren etwas gebessert hat“, sagt eine Frau. Die gefühlte Gefahr schlage sich auch in Zahlen nieder, sagt Thomas Fläschner. „Aus den vorliegenden Daten des VEP ist ein großes Verletzungsrisiko für Radfahrer ersichtlich.“ Er bezieht sich dabei auf den Verkehrsentwicklungsplan (VEP) für 2030, den der Stadtrat im vergangenen Jahr verabschiedet hat.

„Die Radfahrer wurden bei der Verkehrsplanung viel zu lange nicht eingeplant“, bedauert ein Mann. Großes Thema sind Straßenabschnitte wie die Bahnhofs- oder die Mainzer Straße, auf denen die Anwesenden das Radfahren als Zumutung empfinden. Es geht um zugeparkte Radwege, beispielweise auf der Dudweilerstraße, und die Frage, welche Handhabe Radfahrer hier haben. Manche plädieren für Lösungen wie Abschleppen und Anzeigen; anderen ist das zu radikal.

Lukas zeigt Verständnis für die Anwesenden; als Radfahrer kennt er deren Probleme aus erster Hand: „Ziel ist, die Lücken im Radverkehrsnetz zu schließen.“ So sehe es auch der Verkehrsentwicklungsplan vor. „Momentan liegt der Anteil der Radfahrer im Stadtverkehr bei fünf Prozent“, sagt Lukas. „Unser Ziel sind zwölf Prozent.“

Konkret habe man Schutzstreifen in der Lebacher- und in der Breslauer Straße gezogen und zehn Radabstellanlagen eingerichtet. Die Radspur über die Wilhelm-Heinrich-Brücke werde nächstes Jahr umgesetzt. Konzepte für den Meerwiesertalweg und die Hohenzollernstraße befänden sich momentan in der Planung, so Lukas. Er nennt weitere Vorhaben wie das Park & Ride Konzept, kann jedoch nicht alle zufriedenstellen. Ein Mann verortet das Problem in der grundlegenden Haltung der Stadt: „Ich hab das Gefühl, es fehlt das Mindset, dass sich was bewegt“, sagt er und schlägt eine Fahrradgarage vor. Der Baudezernent findet die Idee gut und notiert sie.

Neben den mangelnden Radwegen wird der Konflikt zwischen Radfahrern und Fußgängern sowie Radfahrern und Autofahrern thematisiert. „Was mir fehlt, ist die Rücksichtnahme – und zwar auch gegenüber Fußgängern“, sagt Kreutzer und erntet Zustimmung. Viele sprechen sich für ein friedliches Miteinander und gegen ein „Verhärten der Fronten“ aus.

Der wohl visionärste Anstoß kommt jedoch von Lothar Schnitzler, der für die Linke im Stadtrat sitzt: „Eigentlich müsste man doch mehr über das Auto reden. Wie wäre es denn, wenn wir uns dafür stark machen, dass die Saarbrücker Innenstadt autofrei wird?“

Bei einer Feststellung des Baudezernenten sind sich jedenfalls fast alle einig: „Es kann nur besser werden.“

Harald Kreutzer, Thomas Fläschner, Silvia Buss, Heiko Lukas.
Harald Kreutzer, Thomas Fläschner, Silvia Buss, Heiko Lukas. FOTO: Iris Maria Maurer
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