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Disko
„Ich dachte ja immer, Techno wäre scheiße“

An Wochenenden lädt der Technoclub Mauerpfeiffer am Ludwigskreisel zu Partys ein. Unter der Woche gibt es die Hörabende. Dort sollen Besucher gezielt nur auf die Musik hören.
An Wochenenden lädt der Technoclub Mauerpfeiffer am Ludwigskreisel zu Partys ein. Unter der Woche gibt es die Hörabende. Dort sollen Besucher gezielt nur auf die Musik hören. FOTO: Michael Morche
Saarbrücken. Diesen Satz hat DJ Roger Reuter schon oft gehört. Bei den Hörabenden im Mauerpfeiffer will er vom Gegenteil überzeugen. Von Isabell Nina Schirra

Wer an einem der regelmäßig stattfindenden „Hörabende“ den Techno-Club „Mauerpfeiffer“ am Ludwigskreisel betritt, findet alles andere als einen normalen Clubbetrieb vor: Die Tanzfläche ist vollgestellt mit Sitzmöbeln, auf denen ein bunt gemischtes Publikum erwartungsvoll auf den Beginn des Abends wartet. Die Altersspanne? Grob geschätzt von 20 bis weit über 60. Die Szenerie erinnert fast ein bisschen an einen Kinobesuch – man sitzt gemütlich, alle Aufmerksamkeit ist nach vorne gerichtet. Nur, dass man hier eben keine bewegten Bilder ganz genau betrachtet, sondern Musik. Mit ungeteilter Aufmerksamkeit, ohne nebenbei zu tanzen, zu schwatzen, vom Alkohol beschwipst umherzustolpern, wie das sonst auf Partys so der Fall ist.


Die Rolle des Filmvorführers übernehmen Roger Reuter alias „Roger23“, und wechselnde Gast-DJs, die er sich zu „seinen“ Hörabenden einlädt. Beide stellen dem Publikum dann jeweils zehn Musikstücke vor. Die Prämisse: zehn Stücke, die so wenig wie möglich miteinander zu tun haben. „Das ist oft mehr Arbeit, als sich auf ein vierstündiges DJ-Set vorzubereiten“, erzählt Reuter. Allerdings werden die Musikstücke nicht bloß vorgespielt – die Gäste werden zudem mit Fachwissen und Informationen versorgt, die ihnen als Hilfestellung dienen sollen, um ihre Hörgewohnheiten anzuspitzen.

Der 46-jährige Roger Reuter stammt aus Riegelsberg. Schon seit seiner frühesten Kindheit sammelt er Platten, legt überwiegend elektronische Musik auf, produziert sogar. In den achtziger Jahren fing es dann an, professionell zu werden. „Ich dachte ja immer, Techno wäre scheiße“ – diesen Satz hat Reuter schon unzählige Male in seiner Karriere gehört. Bis er die Leute dann vom Gegenteil überzeugt hat. Mit den Hörabenden will er Interessierten einen Zugang zum Medium Techno liefern, sowie ein Bewusstsein für die Geschichte, Einflüsse und Spielarten des Genres schaffen. So werden zum Beispiel die Ursprünge des Techno in der Disko-Musik der Siebziger aufgezeigt oder die Verbindung zwischen elektroakustischer Musik und der Klassik gezogen. Von einer „Oberlehrer“-Funktion distanziert Reuter sich allerdings – er will neugierig machen. Mit den gängigen Vorurteilen der Szene gegenüber – Stumpfsinn, Alkohol, Drogen – bricht er. Damit hat Reuter selbst nämlich gar nichts zu tun.

Natürlich spielt auch der Mauerpfeiffer selbst eine wichtige Rolle in dieser besonderen Art der Abendgestaltung. Der Club war von Anbeginn eine freie und offene Zone. Allerdings gibt es nur am Wochenende Partys. Mit den wochentags stattfindenden Hörabenden, lässt sich dieser entstehende Leerraum aktiv nutzen. So kann man Menschen einerseits der Musik, aber auch dem Club selbst näher bringen. Oft kommen dann auch Leute, die sonst im Clubkontext untergehen.

Generell ist das Publikum bei so einem Hörabend extrem heterogen. Einerseits kommen natürlich Leute, die sich mit Musik auskennen. Andererseits sind aber auch Leute vertreten, die wenig Berührungsängste haben und etwas Neues entdecken wollen. „Da fängt das Köpfchen dann oft auf dem Heimweg an zu rattern“, erzählt Reuter fast schon zufrieden. „Wenn ich mit einer Platte etwas mitgeben konnte, dann habe ich schon was erreicht“, schiebt er nach.



Und auch wenn einer der Gäste die Hörabend-Gesellschaft als „verschworene Gemeinschaft“ bezeichnet, sind neue Zuhörer herzlich willkommen. Wer herausfinden will, wie „Modern Talking“, Karlheinz Stockhausen und Techno nun zusammen hängen, hat beim nächsten Hörabend, am 21. März, die Chance dazu.