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Perspectives
Heute wäre der „Geizige“ bei Amazon

Ludovic Lagarde inszeniert den „Geizigen“ von Molière bei den Perspectives in Forbach.
Ludovic Lagarde inszeniert den „Geizigen“ von Molière bei den Perspectives in Forbach. FOTO: © Pascal GELY / Pascal GELY
Saarbrücken. Heute eröffnet das Festival Perspectives. Eines der interessantesten Sprechtheaterstücke im Programm ist Ludovic Lagardes Version von Molières „Der Geizige“.

So wie in Ludovic Lagardes Inszenierung hat man den „Geizigen“ von Molière noch nie gesehen. Der französische Regisseur verlegt die Komödie um einen raffgierigen, hartherzigen Kaufmann vom großbürgerlichen Salon des 17. Jahrhunderts in ein Amazon-Warenlager. Dort lässt er den alten Haustyrannen dann auf seine Kinder schon mal mit einem Gewehr losgehen. Bevor Lagarde mit seiner Truppe von der Comédie de Reims am 18. und 19. Mai zu den Perspectives ins Forbacher le Carreau kommt, wollten wir wissen, was ihn an der alten Komödie gereizt hat. Sind Regisseure in Frankreich etwa mutiger im Zugriff auf diesen Klassiker, weil man ihn beim Zuschauer als bekannt voraussetzen kann? Aber nein. Lagarde lacht.


„Frankreich ist ein paradoxes Land, es gibt zwar eine enge Beziehung zur Literatur, aber einen viel großen Respekt vor dem Werk, viel mehr als in Deutschland.“ Deshalb komme es nicht häufig vor, dass man – so wie er – bei Molière etwas wage. Was für Lagarde das Stück aktuell macht, ist das Verhältnis zum Geld. Harpagon, der Titelheld, ist davon besessen. Statt es herauszurücken, hält er es zurück und nimmt ihm seinem Gebrauchswert. Statt dem Nachwuchs eine Mitgift zu gewähren, will er seine Töchter an alte Geldsäcke verkuppeln und sich die mittellose Braut des Sohnes selbst unter den Nagel reißen.

„Dabei war Geld  zu Molières Zeiten noch gar nicht so ein wichtiges Thema,“ sagt Lagarde. „Es war die Zeit der Monarchie, die Bourgeoisie existierte noch nicht wirklich, der Kapitalismus stand erst am Anfang.“ Heute jedoch, jedenfalls in unserer neoliberalen, kapitalistischen Gesellschaft, vergifte das Geld alle Beziehungen.  In noch viel größerem Maßstab säßen heute wenige Reiche auf dem meisten Geld und hielten es zurück, während unser System darauf abziele, dass jeder Geld haben will, um zu konsumieren. „Da viele Menschen kaum Geld haben, führt das zu  Frustration. Das alles hat heute viel größere Ausmaße als zur Zeit Molières“, sagt Lagarde.



Doch Geld ist nur ein Thema der Komödie, das sich gut ins Heute transportieren lässt. „Der Geizige“ sei ein schwarzes Stück, sein Held ein tyrannischer Clown wie er derzeit ja wieder auf dem politischen Parkett in Mode komme, stellt Lagarde fest. Als er 2014 die Inszenierung in Angriff nahm, hatte er Chaplins „großen Diktator“ vor Augen. Doch dann kam Trump. „Er ist jemand, den man fürchtet und über den man zugleich lacht und nicht genau weiß, worüber man da lacht.“ Auch Harpagon sei so jemand.

Eine Rolle wie geschaffen für Laurent Poitrenaux, Lagardes Stamm-Schauspieler. „Ich habe sofort an ihn gedacht, er ist komisch, lustig, kann im nächsten Moment sehr brutal und gemein sein, unberechenbar, ein Virtuose“, schwärmt Lagarde. Die  Gewalttätigkeiten, die im Werbe-Trailer für das Stück verblüffen, sind in Molières Vorlage übrigens schon so angelegt. „Bei ihm gibt es viele Stockschläge, wenn man das zeitgenössisch inszenieren will, landet man beim Gewehr“, sagt Lagarde,. Jean Renoir, Maurice Pialat, Clint Eastwood und Quentin Tarantino hätten ihm beim „Geizigen“ quasi Pate gestanden. Und Amazon? „Als ich mich fragte, was könnte Harpagon heute sein, fiel mir der Internet-Handel mit seinen riesigen Warenlagern ein“, sagt Lagarde. Und weil das Geschäft für den „Geizigen“ alles bedeutet, werde das Warenlager für ihn zur Wohnung.

Ludovic Lagarde
Ludovic Lagarde FOTO: Perspectives/Ducros