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Lange Nacht der Industrie: Heiße Nacht: ein Besuch bei Halberg Guss

Lange Nacht der Industrie : Heiße Nacht: ein Besuch bei Halberg Guss

Bei der „Langen Nacht der Industrie“ öffnen Firmen ihre Pforten. Vor allem junge Leute sollen für einen Job in der Branche begeistert werden.

Fast wäre ich durch die Lichtschranke gelaufen und hätte die Produktion bei Halberg Guss lahmgelegt. Die Rohlinge für die neuen Motorenblöcke wären nicht weitertransportiert worden, die Produktionskette wäre unterbrochen worden – und das hätte Geld gekostet. Viel Geld. Ein freundlicher Mitarbeiter hat mich gerade noch rechtzeitig am Ärmel gezupft und an meinem Durchmarsch gehindert. Schwein gehabt. Hier muss man echt höllisch aufpassen. Aber Steven Kühnreich hatte mich im Blick. Er ist Abteilungsleiter bei der Neuen Halberg Guss. Es sollte nicht das einzige Mal sein, dass Herr Kühnreich mich am Ärmel zupfen musste. Er führt eine Gruppe von rund 20 Besuchern durch das Unternehmen.

Wir sind zu Gast in der Produktionsstätte von Halberg Guss in Saarbrücken. Das Unternehmen ist eines von 16, die am Donnerstag bei der „Langen Nacht der Industrie“ ihre Pforten geöffnet hatten, um interessierten Besuchern einen Einblick in die Produktion zu erlauben. Live, in Echtzeit. Hier ist nichts gestellt. So wie die Besucher es gerade erleben, geht es hier jeden Tag zu, auch an diesem Abend kurz vor 22 Uhr.  Halberg Guss ist seit 1756 eines der traditionsreichsten Unternehmen im Saarland. In der Gießerei werden Kurbelgehäuse, Zylinderköpfe und Kurbelwellen für Automotoren produziert. Die Liste der Kunden umfasst Firmen wie BMW, Mercedes. Opel, General Motors und viele andere mehr. Am Standort Saarbrücken arbeiten 1700 Leute. Zurzeit im Drei-Schicht-Betrieb, rund um die Uhr. „Die Auslastung ergibt das“, sagt Kühnreich. Die Auftragsbücher sind voll. Und tatsächlich stapeln sich in der Lagerhalle die Motorenblöcke bis unters Dach.

„Boah, ey, stinkt das hier“, sagt eine junge Frau, als wir die „heiligen Hallen“ von Halberg Guss betreten. In der Tat, schon eine halbe Sekunde nach dem Reinkommen, hat man einen seltsamen Geruch in der Nase. Irgendwie undefinierbar, aber beißend. „Amin-Gase“, erklärt Steven Kühnreich. Die entstehen bei der Produktion von Rohlingen für die Motorblöcke. „Wenn Sie den ganzen Tag hier gearbeitet haben, riechen Sie abends wie ein Fischmarkt“, sagt Kühnreich und lacht. Dann geht die Post ab. Schon von weitem hatte ich sie gesehen, erahnt, welche Giganten sie sein müssten. Dann stehen wir vor ihnen: Roboter. Meterhoch. Mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit wirbeln sie ihren Arm durch die Luft, greifen die Rohlinge, heben sie um, bearbeiten sie, setzen sie ab. Wieder und wieder. Mit einer unfassbaren Präzision. Unheimlich ist das. Sie scheinen irgendwie lebendig. Als wollten sie den Menschen nur vorgaukeln, sie seien seelenlose Maschinen. Zeit zum Nachdenken bleibt nicht. Herr Kühnreich muss mich wieder am Ärmel zupfen. Während ich fasziniert die Roboter angestarrt habe, hat sich mir unbemerkt ein kleiner Elektro-Transporter mit Rohlingen genähert.

An der Aktion „Lange Nacht der Industrie“ haben sich in diesem Jahr 16 Unternehmen im Saarland beteiligt. Bundesweit haben bereits 650 Unternehmen daran teilgenommen, mit zigtausenden Besuchern. Ziel ist es, allen Interessierten einen Einblick in die Welt der Industrie zu geben – und vor allem, junge Leute für einen Job in der Industrie zu begeistern. Gerade im Saarland hat die Branche Gewicht. 90 000 Arbeitsplätze biete sie  im Saarland, sagt Joachim Malter vom Verband der Metall- und Elektroindustrie.

Irgendwo faucht und zischt es immer.  Es ist laut. Und dann wird es plötzlich heiß in meinem Rücken, richtig heiß. Ich drehe mich um und sehe einen kleinen Elektro-Transporter auf mich zukommen, der in seinen Krallen vorne eine Pfanne mit flüssigem, geschmolzenen Eisen befördert.

Rund 1400 Grad hat die rot glühende Masse, wie Kühnreich erklärt. Die kommt aus dem Kupolofen, der sich 16 Meter hoch bis unters Dach erstreckt. Dort wird das Eisen verflüssigt, ein massiver roter Strahl ergießt sich wie ein kleiner Wasserfall aus dem Ofen in einen Bottich. Kühnreichs Augen strahlen. Es ist „sein“ Ofen. „Früher hat mich eine Gießerei nicht interessiert, heute ist es eine Leidenschaft“, sagt er. Der Kupolofen ist aber nicht der einzige Ofen in der Produktionshalle, es gibt auch Elektro-Öfen, wo das Eisen wieder aufbereitet wird, das zuvor nicht die richtige Temperatur hatte. Funken schwirren durch die Luft.  Ich finde das klasse, aber die Mädchen in der Gruppe quieken und hüpfen beiseite. Für uns ist die Lange Nacht der Industrie vorbei, bei Halberg Guss geht sie heute Abend wieder los.