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Wintringer Kapelle
Heiliger Ort mit sanften Klängen

Kleinblittersdorf. Das Liquid Penguin Ensemble hat in der Wintringer Kapelle eine seiner Installationen aufgebaut. Und die kam bei Besuchern gut an.

„Dies ist ein heiliger Ort“, sagt Peter Michael Lupp, passionierter Kurator des Kulturprojektes Wintringer Kapelle. „Unter uns sind sehr viele Menschen bestattet, sehr viele Neugeborene.“ Und manchmal, etwa in der Zeit des 30-jährigen Krieges, mag die Kapelle auch ein verwüsteter „Unort“ gewesen sein. Das rund 1000 Jahre alte Gebäude liegt zwischen Kleinblittersdorf und Bliesransbach auf dem Wintringer Hof, der, von Saarbrücken aus betrachtet, symbolisch die Eingangspforte zu dem von der Unesco geschützten Biosphärenreservat Bliesgau bildet.



Die Geschichte des Gemäuers ist wechselhaft. In seinem heutigen Erscheinungsbild stellt das ehemalige Gotteshaus nur mehr eine reduzierte Anlage dar – erhalten sind lediglich die Ostteile einer weit größeren ehemaligen Prioratskirche, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts neu errichtet wurde. Seit 20 Jahren gibt es nun im Rahmen der Regionalentwicklung des Regionalverbandes Saarbrücken Bemühungen, das Baudenkmal im Sinne der Mönche wiederzubeleben: als Denk- und Lernort, der den Bogen schlägt von der Kultur des Mittelalters zur Kultur der Gegenwart; als Stätte, an der Kunst- und Kulturveranstaltungen Impulse zum Innehalten und Weiterdenken geben sollen. Denn bis heute ist der mittelalterlich geprägte Ort auch Wegzeichen und Orientierungsmarke auf dem verzweigten Netz der europäischen Wege der Jakobspilger, dem „Sternenweg“.

Eben diesem Aspekt des Wanderns und Pilgerns spürt nun das Liquid Penguin Ensemble (LPE) mit einer Mehrkanal-Klanginstallation vor Ort nach. „Schritte Stille“ heißt sie und wird ein ganzes Jahr lang zu hören sein. Wer sich am Nachmittag des Zweiten Adventssonntags durch Eis und Schnee zum Wintringer Hof durchkämpfte, durfte bei der Eröffnung dabei sein: Nachdem man sich draußen an einem Feuerchen aufgewärmt hatte, ging‘s zur Live-Performance in die eiskalte Kapelle. Lediglich eine „Fußbodenheizung“, wie Lupp in seiner Einführung scherzte, verbreitete dort eher zaghafte Wärme: ein Brett mit Kerzen, das immerhin heimeliges Licht spendete – alle Besucher waren eingeladen, zum Tag der Menschenrechte weitere Kerzen anzuzünden.

Um sämtliche Facetten der Installation mitzubekommen, galt es, eventuelles Zähneklappern zu unterdrücken und mucksmäuschenstill zu sein. Kaum sichtbare, im Raum versteckte Lautsprecher suggerierten Windgeräusche und Schritte, die näher kamen, sich durch den Raum bewegten und wieder entfernten. Dazu improvisierte Stefan Scheib mit dem Bogen auf dem Kontrabass, und Katharina Bihler rezitierte einen selbst verfassten Text, der sich sensibel mit dem Thema Flüchtigkeit und Bestand auseinandersetzt: mit dem Suchen und Hinterlassen von Spuren, mit dem Schlagen von Schneisen, mit dem Finden von Perspektiven. Und mit dem Trost, den der Pilger auf seiner Reise zu finden hofft: „Wie ein Geweih trägt einer seine dunklen Gedanken durch den Wald. Dann fällt es ab“, heißt es da etwa. Parallel zu der Geräuschinstallation im Raum kann man auch Bihlers Worten, wiederum in eine eigene Klanglandschaft eingebettet, per Kopfhörer ein Jahr lang lauschen, und das sogar zweisprachig: Elodie Brochier hat sie übersetzt und eine französische Fassung eingesprochen.

Kapelle und Installation sind während der Öffnungszeiten des Hofladens (hier ist der Schlüssel erhältlich) zu besichtigen, Montag bis Donnerstag 15–19 Uhr, Freitag 9–19 Uhr, Samstag 9–16 Uhr. Für Gruppen ist eine Voranmeldung erforderlich unter Tel. (06805) 902 411.