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Unsere Woche
Hass zum Fest der Liebe

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Soll der Martinsumzug bald Sonne-Mond-und-Sterne-Fest heißen? Muss der Advents- einem atheistischen Wintermarkt weichen? Und ereilt uns etwa das Schicksal, dass Weihnachten zur profanen Jahresendfeier umfirmiert wird? Kurzum: Verschwinden klammheimlich, peu à peu abendländische Traditionen aus unserem gewohnten Lebensumfeld? Das dürfen wir uns doch nicht bieten lassen!

Nö, brauchen wir ja auch gar nicht. Hat keiner von uns verlangt. Steht nirgendwo in irgendeinem deutschen Gesetzentwurf. Wo liegt also das Problem? An Stammtischen in der Region, wo solche Befürchtungen unbegründet grassieren. Und durch soziale Netzwerke im Internet verbreiten sich derartige Pamphlete zweifelhafter Herkunft wie eine Seuche. Wieder einmal. Wie vor einem Jahr.



Dabei müssen wir uns überhaupt keine Sorgen darüber machen, dass wir künftig die alt hergebrachten Begriffe aus unseren Köpfen streichen müssen. Nach wie vor marschieren an diesem Wochenende Kinder mit Laternen auf Martinszügen durch die Orte und singen allenfalls von Sonne, Mond und Sternen sowie Rabimmel, Rabammel, Rabumm. In der Landeshauptstadt wird ab 27. November in luftiger Höhe, hoch über den Besuchern des St. Johanner Marktes, ein sonorer Herr im Schlitten über den Christkindlmarkt hinweggleiten. Und es geht sogar noch weiter: An Heiligabend werden viele Menschen den Auftakt des Weihnachtsfestes zelebrieren. Davon bin ich aber so was von überzeugt. Dass es so bleibt, dafür bedurfte es wahrlich keines Bürgerbegehrens, geschweige denn eines Volksaufstands. Niemand fordert uns auf, christliche Traditionen einzustampfen.

Umso bedenklicher ist es, wie leichtfertig sich Menschen hasserfüllten Argumente gegen solch abstruse, nie gehegte Pläne zu eigen machen. Sie übernehmen derartige Darstellungen im weltweiten Computernetz, ohne die Quelle zu prüfen. Allzu oft verbergen sich dahinter Verfasser fremdenfeindlicher Organisationen, die leichtfertig mit den Ängsten der Bevölkerung jonglieren, andersgläubige Zuwanderer könnten Hand an unsere kulturelle Identität legen. Schlimmer noch: Es sei bereits alles in Sack und Tüten, ausgemachte Sache, dass es so und nicht anders kommt. Besonders perfide: Selbsternannte Retter christlicher Kultur senden von Angst geschürte Nachrichten hinaus in die Welt. Verkaufen ihren blanken Populismus als Wahrheit. Ich zitiere einen jener, die auf solch eine Hasstirade das einzig Richtige schrieb, es auf den Punkt brachte: „Es gibt überhaupt keinen Anlass zu solch einem Internet-Beitrag. Niemand stellt diese Forderungen.“ Vielen, die krude Texte im Netz teilen, fehlt es indes an Konsequenz: Das Weihnachtsfest nicht mit Konsumrausch gleichzusetzen. Nikolaus nicht mit dem Werbesymbol Weihnachtsmann zu verwechseln. Statt Hass Verständnis für andere aufzubringen.