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Hans Therre las bei der Union Stiftung

Literatur : Wie ein „Hippie“ einen Heimatroman schreibt

Hans Therre, Rimbaud-Übersetzer und Roman-Autor, las bei der Union Stiftung aus „Elsterbach“, einem fiktiven saarländischen Ort.

Man konnte trefflich spekulieren, weshalb die Lesung des saarländischen Autors Hans Therre in der Union-Stiftung nur schwach besucht war: War es die Angst vor dem Virus oder vielleicht die Tatsache, dass sich da offensichtlich ein alter 68er in die eher konservativ ausgerichtete Stiftung verirrt hatte?

Äußerlich jedenfalls entspricht Therre ganz und gar dem Klischee des alt gewordenen Hippies: lange und Bart. Vor der Lesung darauf angesprochen zeigte sich der 71-Jährige allerdings wie im falschen Film. „Was, ich bin hier nicht bei der SPD?“ Er sei da wohl falsch informiert worden.

Thematisch passte er aber mit seinem neuen Buch „Elsterbach“ trotzdem recht gut zur Union-Stiftung: Die veranstaltet nämlich eine Reihe zum Thema Heimat. Und Therres Roman, der aufgrund seiner Länge in drei Bänden erscheinen wird, dreht sich darum, dass der Ich-Erzähler wieder zurück in seine Heimat, das Saarland, kehrt. Allerdings bewusst nicht exakt ins gleiche Dorf, sondern nach Elsterbach (der Name ist ausgedacht), „etliche Meilen entfernt“.

Therres Buch steigt mit dem Aufbruch seiner Figur aus Berlin ein. „Es ist autobiographisch, aber fiktiv“, sagte er nach der Lesung zu der Frage eines Zuhörers. Tatsächlich ist der Nordsaarländer viel herum gekommen in seinem Leben, in Griechenland und in Portugal, in Paris und Berlin.

Auch wenn er ganz klischeehaft in Marburg Germanistik und Sozialwissenschaften studierte, arbeitete Therre nur als Referendar, nie als Lehrer. Vielmehr fing er an, den französischen Dichter Arthur Rimbaud zu übersetzen, „sehr gewagt“, wie Gerd Schäfer vom Conte-Verlag in der Einführung erklärte.

Später kamen Übersetzungen von Michel Leiris und Stéphane Mallarmé hinzu – Therre habe die Franzosen „eingedeutscht“, meinte Schäfer. Aber auch aus dem Portugiesischen (etwa Fernando Pessoa) und dem Englischen hat Therre übersetzt.

Jetzt also sein zweiter Roman „Elsterbach“: Therre beginnt und beendet die relativ kurze Lesung mit dem Anfang. Die jahrzehntelang Geliebte ist am Krebs gestorben, der Ich-Erzähler hält es deshalb in Berlin nicht mehr aus, er muss weg. Er will „keine Lieblingsspaziergänge allein machen“. Er sei auch in all den Jahren nie zum Stadtmenschen geworden. Er, „das naturverliebte Kind“, habe alle Verbindung zu Mutter Natur verloren, diese Nähe wolle er wieder herstellen.

Das Auto voll gepackt mit dem Wichtigsten, verlässt er die Großstadt. Die Freunde reagieren unterschiedlich auf seinen Abschied. „Du machst einen schweren Fehler“, sagen die einen, „könnte ich nur mitkommen!“, die anderen.

Wie es dann sein wird in der alten Heimat, verriet Therre bei der Lesung nicht, das müssen interessierte Leser dem Roman entnehmen. Das kurze Anfangsstück machte jedenfalls Appetit auf die ganze Geschichte – die Lesung war ein gutes Beispiel für den Spruch „Weniger ist mehr“.

Das Elsterbach des Romans dürfte dem Ort Gonnesweiler am Bostalsee entsprechen, dort wohnt der in Gronig aufgewachsene Autor jetzt. Doch eigentlich wünscht er sich wieder nach Porto Covo, dem portugiesischen Küstenort südlich von Lissabon, einem einstigen Geheimtipp unter Aussteigern und Hippies, wo er lange gelebt hat. So schreibt er: „Heimat aber ist für mich kein ein für allemal zum Begriff erstarrter Ort, keine schillernde, in Bernstein gefangene Fliege namens Kindheit, kein ‚Dort, wo ich einst Kind war‘, sondern immer ein ganz konkreter Ort, sei es heute Elsterbach oder das kleine portugiesische Dorf am Rande des Kontinents.“

Hans Therre: „Elsterbach. Eine Art Heimatroman“. Conte Verlag, 20 Euro.