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Hans Gerhard war schon als Kind von Sprache fasziniert

Autorinnen und Autoren in der Region : „Einmal jemanden mit einem Text so berühren“

Hans Gerhard liebt amerikanische Kurzgeschichten und kommentiert gern mal Fußball-Spiele live und lustig.

Der Schriftsteller Hans Gerhard war literarisch ganz schön frühreif. Schon in der „fünften oder sechsten Klasse“, wie er erzählt, beeindruckt ihn ein Gedicht von Hans Magnus Enzensberger namens „freizeit“, das im damaligen Schulbuch stand. „Da habe ich zum ersten Mal verstanden, was man mit Sprache machen kann“, sagt der 1973 in Braunschweig geborene Wahl-Saarbrücker.

Der junge Hans ist nicht nur Bücherwurm, er schreibt auch schon selbst: „Ich besaß eine Adler-Reiseschreibmaschine und verfasste große Romane, die nie über vier Seiten hinausgingen.“ Als Jugendlicher seien es dann „weltschmerztriefende Gedichte“ gewesen.

Prägend ist für Gerhard zu dieser Zeit der einjährige Aufenthalt in den USA: „Von dort habe ich eine tiefe Liebe für alles Englischsprachige mitgenommen.“ US-Autoren wie Raymond Chandler, John Updike oder Philip Roth gehören bis heute zu Gerhards Lieblingsschriftstellern.

Nach dem Wehrdienst studiert Gerhard zwei Jahre lang Literaturwissenschaften und Medienwissenschaften in Düsseldorf. „Das hat mir schon viel gebracht, aber nichts, was ich hätte nach Hause tragen können. Ich habe dann getan, was jeder in meiner Lage getan hätte, nämlich Jura in Saarbrücken studiert.“ Das bringt er auch zu Ende, wenngleich er heute nur noch selten als Anwalt arbeitet. Neben dem Schreiben ist jetzt der Job als Integrationslehrer sein hauptsächlicher Broterwerb.

Gerhards saarländische Autorenkarriere beginnt mit Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften. „Mein erster großer Hit, also im bescheidenen Rahmen, das war die Kurzgeschichte ‚Student aus Deutschland‘, die erschien in einer Anthologie.“ Er knüpft Kontakte zum saarländischen Schriftstellerverband, dem er heute als zweiter Vorstand angehört. In der SR2-Sendung „Literatur im Gespräch“ kann Gerhard einige seiner Geschichten lesen.

2002 erscheint seine erste monographische Veröffentlichung im Topicana-Band sieben, „Glaub’s mir halt“. Sie enthält zwölf Kurzgeschichten. Fürs SR-Fernsehen verfasst er Literaturkritiken („meistens von Büchern aus der Szene“), die in der Nauwieser Kultkneipe Bingert gedreht werden. An Poetry Slams nimmt Gerhard auch mal teil, bis es ihm „zu viel Comedy“ wird.

Das komische Talent lebt er lieber bei seiner Fußball-Leidenschaft aus: „Früher gab es die Möglichkeit, nur den Stadion-Ton einer Live-Übertragung zu bekommen, ohne Kommentar. Da habe ich eben live kommentiert, wenn im Karateklub Meier ein Spiel lief. Das hat – wenigstens mir, ich hoffe, zumindest ein paar anderen Gästen auch – großen Spaß gemacht.“

Aufgrund seiner Herkunft, klar, ist der Autor großer Fan von Eintracht Braunschweig. „Ich freue mich aber auch über den FCS und war oft im Ludwigspark-Stadion.“ 2010 gewinnt er den Schiffpreis und erstellt die Stadtteil-Dokumentation fürs Nauwieser Viertel. Dazu schreibt er 24 Geschichten, die 2012 im Pocul-Verlag erscheinen unter dem Titel „Alles was wir brauchen“. Gerhards letzte beiden Bände erscheinen im Conte-Verlag: 2017 der mit dem Titel „Mehr zuhause als ich“ und 2019 „Aber möglich, möglich muss es doch sein“.

Klar ist, dass der Autor stark auf das Genre der Kurzgeschichte festgelegt ist. „Ich habe auch schon längere Texte geschrieben, aber nichts Veröffentlichungsreifes. Früher auch Gedichte, aber davon waren nur zwei gut.“ Aber: Gerhard arbeitet derzeit zum ersten Mal an einem Roman, der Ende des Jahres fertig werden soll.

Wieso er die Form der Kurzgeschichte so mag, führt er auf seine Eindrücke aus den USA zurück. Auch mit der historischen Entwicklung der Gattung hat er sich befasst: „Das hat sich dort in den Zwanzigerjahren so entwickelt, als die Leute anfingen, mit dem Zug nach New York zu pendeln. Da haben die Zeitungen Kurzgeschichten abgedruckt, dadurch konnte sich das Genre etablieren.“

Zum eigenen Stil sagt er, dass das Ideal, das er anstrebe, aus möglichst bildhaftem Erzählen mit trotzdem einfacher Struktur besteht. „Das Credo, dem ich anhänge ist: Show, don’t tell. Ich möchte, frei nach Arnfrid Astel, den Leuten etwas zeigen ohne es zu erklären. Das klappt mal weniger, mal besser.“ Von Astel, dem einstigen Literaturredakteur beim SR, habe er sehr viel gelernt, meint Gerhard.

Und dann gibt es natürlich den großen Traum, „jemanden einmal mit einem Text genauso berühren zu können, wie ich seinerzeit von Enzensbergers Gedicht berührt worden bin. Aber da liegt schon noch viel Arbeit vor mir“.