„Ich fühle mich hier sauwohl“

Die Saarbrücker Zeitung begleitet auch in diesem Jahr wieder die ARD/SR-Themenwoche mit eigenen Beiträgen. Dieses Mal lautet das Thema „Heimat“. Heute ein Interview von SZ-Redakteur Dietmar Klostermann mit dem saarländischen Heimatliteratur-Verleger Charly Lehnert, 76, aus Saarbrücken-Güdingen.

Herr Lehnert, Sie gelten als der Verleger von Heimatliteratur mit dem größten Verkaufserfolg im Saarland. Warum lesen die Saarländer Ihre Bücher so gern?

Lehnert: Von Regionalliteratur, würde ich sagen. Ich befasse mich mit Mundarten, Redensarten, mit dem Kulinarischen und mit den Menschen und ihren Eigenarten. Dies alles wird durch das Grenzland-Schicksal, durch unsere besondere Geschichte geprägt. Darum habe ich mich immer gerne gekümmert.

Was verbinden Sie selbst mit dem Begriff Heimat ?

Lehnert: Ich habe ja angefangen mit dem Magazin "Nemmeh dehemm", um Kontakt zu halten mit den Exil-Saarländern. Ich habe jemanden kennen gelernt, der im Schwarzwald eine Stelle gefunden hat als Lehrer. Er ist dort sehr zufrieden, fährt aber jedes Wochenende nach Neunkirchen zu seiner Mutter, weil auf der ganzen Welt nur sie gute Sachen kochen kann. Andere, die aus Arbeitsmarktgründen das Saarland mit ihrer Familie verlassen mussten, sagen mir, dass sie zwar eine neue Heimat gefunden haben. Aber sie sagen auch: Wir hängen immer noch am Saarland. Sie hängen an Dingen, die sie in der Kindheit geprägt haben. Wenn sie in ihr Heimatdorf kommen und das Trottoir ist noch immer nicht gepflastert (lacht) - dann sagen sie: Das ist meine Heimat ! Andere rufen mich an und sagen, sie haben irgendwo ein Wort in saarländischer Mundart gehört oder gelesen und fangen an zu heulen. Weil es plötzlich bei ihnen etwas auslöst, was längst verdeckt war. Wenn man mich fragt, wo ist denn deine Heimat , dann sage ich, dass dies erst Europa, dann das Saarland und dann Deutschland ist. In dieser Reihenfolge.

Wie kommt es zu dieser Heimat-Reihenfolge?

Lehnert: Ich bin in Dudweiler geboren und war von 14 Jahren an in Ottweiler im Internat. In Dudweiler wohnten wir gegenüber der Eisengießerei. Da ist direkt hinter dem Haus immer eine Riesenkugel runtergesaust und hat den Schrott zertrümmert, um Material für die Gießerei zu finden. Und dieser Schlag ist der Schlag meiner Heimat gewesen. Dann die Gerüche nach Ruß, nach Erde, nach vorbeifahrenden Eisenbahnzügen. Ich bin in den ersten Jahren mit einem Dampflokzug nach Ottweiler gefahren. Die Gerüche in diesen Abteilen von Bergleuten, von ihrem Priemen (Kautabak, d. Red.), von ihrem Lasso-Geruch (Lasso war eine Zigarettenmarke im Saarland der 1950er Jahre, d. Red.), vermischt mit dem Dampf der Lok, das war in meiner Kindheit für mich ein Stück Heimat . Mit 20 Jahren bin ich nach Saarbrücken in die Werkkunstschule gegangen, das hat mich geistig geprägt, da ist für mich eine neue Heimat entstanden. Das war dann vorrangig Alt-Saarbrücken. Dann habe ich in der Altneugasse gebaut in den 70er Jahren und habe dort 30 Jahre gelebt. Das war ein ganz starkes Stück Heimat für mich, die ganzen Gassen rings ums Schloss. Jetzt wohnen wir seit 14 Jahren in Güdingen, ich genieße den Wald, die Natur, da ist ein Stückchen neue Heimat entstanden. Ich fühle mich hier sauwohl. Zu der Reihenfolge Europa-Saarland-Deutschland kam es, da ich in den 70er Jahren viel in Asien unterwegs war. Ich habe dort festgestellt, wie wichtig das logische Denken, das von den griechischen Philosophen stammt, für die Welt ist. Aber Heimat kann auch stink-langweilig sein, wenn man immer in die gleiche Kneipe geht. Oder wenn ich Mundartgedichte höre, wo sich die Flemm auf Dehemm reimt - dann wird mir schlecht. Ich erfreue mich eher am Weltläufigen.

Viele Saarländer wollen ihre Heimat nicht gerne verlassen, viele nehmen lange Strecken zu Arbeitsplätzen außerhalb des Landes in Kauf …

Lehnert: … jaja, viele nehmen berufliche Chancen nicht wahr, nur weil sie ein sauer Stück Wies' in Köllerbach erben ...

Sogar die Jugend bleibt zum Studium im Lande und wohnt weiter bei den Eltern. Ist die Heimatverbundenheit im Saarland stärker als in anderen Bundesländern?

Lehnert: Ja, viele Studenten wollen lieber bei der Mama bleiben. Man will das Vertraute. Peter Müllers abwertendes Urteil über die Provinz hat mich sehr erregt. Ich liebe das Provinzielle. Weil das überschaubar ist. Ich habe 1985, als meine Werbeagentur für die Staatskanzlei tätig war, den Begriff "Saarland der kurzen Wege" erfunden. Hier hat man kurze Wege, um etwas zu erreichen. Man musste in der Geschichte immer wieder klarkommen mit Fremden. Dadurch ist die Fremdenfeindlichkeit im Saarland vergleichsweise sehr gering. An der Saar-Uni studieren Menschen aus 120 Nationen. Nur schade, dass sich das in der Innenstadt nicht widerspiegelt und der Campus im Grünen liegt.

Zum Thema:

An diesem Donnerstag erforscht das "mag's - Magazin Saar" ab 20.15 Uhr saarländische Eigenheiten, historische Schlüsselerlebnisse und kulinarische Höhepunkte. Prominente wie Elke Ferner , Daniela Schlegel-Friedrich, Stefan Kuntz und Anne Welte geben Antworten auf Fragen wie: Was ist "Mengenkes", wo isst man "Gebischeldes" oder was ist der "Welles"? red