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Leiter der Gemeinschaftsschule hört auf
„Die Schule ist nicht immer schuld“

Lehrer der Gemeinschaftsschule Güdingen fühlen sich im Unterricht oft überfordert. Der Personalrat schrieb deshalb 2017 ans Bildungsministerium.
Lehrer der Gemeinschaftsschule Güdingen fühlen sich im Unterricht oft überfordert. Der Personalrat schrieb deshalb 2017 ans Bildungsministerium. FOTO: dpa / Julian Stratenschulte
Saarbrücken. Nach 25 Jahren als Leiter der Gemeinschaftsschule Güdingen geht Manfred Binkert in den Ruhestand und spricht viele Probleme an den Schulen offen an. Von Jana Bohlmann

Nach 25 Jahren in der Schulleitung ging Manfred Binkert am Freitag in den Ruhestand. Der Leiter der Gemeinschaftsschule Güdingen musste im vergangenen Vierteljahrhundert viele Lasten auf seinen Schultern tragen. Vieles habe sich in dieser Zeit verändert, erinnert sich Manfred Binkert.


Zu Beginn seiner Laufbahn war sein Büro mit einer Schreibmaschine ausgestattet, die Klassenzimmer mit Tafel und Kreide. Diese wurden teilweise durch  Smartboards und Tablets ersetzt. Die Digitalisierung hat sich in den Schulen bemerkbar gemacht. Aber auch die Aufgaben von Lehrern haben sich verändert, meint Binkert.

„Vor 25 Jahren war es  ‚nur’ unsere Aufgabe, junge Menschen zum Schulabschluss zu führen. Wir haben unterrichtet, was auf dem Lehrplan stand. Aus allen anderen Bereichen haben wir uns rausgehalten“, erzählt der Schulleiter. „Heute geht es um viel mehr. Die Aufgaben haben sich geändert. Lehrer sehen sich mit anderen Situationen konfrontiert: Die Elternhäuser der Kinder sind vermehrt nicht intakt, und es gibt viel mehr Schüler mit Migrationshintergrund als früher“, sagt Binkert.



Die größte aller Herausforderungen sei aber die Inklusion, findet der Leiter der Gemeinschaftsschule. „Inklusion heißt zunächst, dass Kinder mit einer Behinderung, ob körperlich oder geistig, und Kinder ohne Beeinträchtigung gemeinsam lernen“, erklärt Binkert. Er wirft ein, dass es das aber schon immer gegeben habe. Es hätten schon früher Kinder mit körperlichen Behinderungen in den Klassenzimmern gesessen.

Darin sieht Binkert kein allzu großes Problem. Eine Herausforderung für die Lehrer seien aber Schüler mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen. „Dazu zählen Kinder, die keine Kontrolle über ihre Gefühle haben und deswegen oft aufbrausend oder aggressiv sein können“, erklärt der Schulleiter. Diese bereiten den Lehrern im Unterricht oft große Probleme. Zwar seien an deren Seite Integrationshelfer, die sie betreuen, aber dennoch werde der Unterricht oft „gesprengt“.

„Wir als Lehrer haben das Problem, dass wir beiden Gruppen, also den Schülern, die zusätzliche Hilfe benötigen, und denen, die keine speziellen Bedürfnisse haben, einfach nicht gerecht werden können“, erklärt Binkert. Auf der anderen Seite betont er, dass dies natürlich auch ein Problem für die Kinder mit emotional-sozialen Störungen sei. Denn sie müssten damit umgehen und gleichzeitig an der Gemeinschaftsschule bleiben. Er glaubt, dass dem einen oder anderen Kind an einer Förderschule besser geholfen werden könnte.

Ein weiteres großes Problem ist nach Ansicht Binkerts, dass die Respektlosigkeit gegenüber der Institution Schule zugenommen hat. „Vielleicht nicht in der Quantität, aber definitiv in der Qualität.“ Den Schulleiter schockieren nicht nur abfällige Aussagen mancher Schüler gegenüber Lehrern, sondern auch das Verhalten vieler Eltern. Der Respekt sei verloren gegangen. „Schule ist nicht immer schuld“, mahnt Binkert.

Eine Herausforderung sei auch der unterschiedliche Leistungsstand der Schüler. Auch das habe es schon immer gegeben, sagt Binkert, doch die Spannweite sei mittlerweile zu groß. „Da sind die Lehrer einfach überfordert. Man kann in einer solchen Klasse gar nicht jedem Schüler gerecht werden“, meint Binkert. Deswegen folgte auch der Hilferuf ans Ministerium im vergangenen Jahr. In einem Brief legte der Personalrat die Probleme an der Gemeinschaftsschule Güdingen offen. Binkert ist aber bewusst, dass es für die genannten Probleme „keine schnelle Lösung“ gibt. Die Abschaffung der Förderschulen, wie es das Bündnis für Inklusion vorschlägt, hält Binkert für einen Fehler. „Damit nimmt man den Eltern die Freiheit, eine Schule für ihr Kind auszuwählen. Außerdem ist das auch immer eine individuelle Entscheidung und vom Kind abhängig.“

Das Bildungsministerium reagierte auf den Brandbrief: Die Schule bekam mehr Lehrerstunden. „Das Ministerium kann nicht mehr machen, als unsere personellen Ressourcen aufzustocken. Es fehlt aber auch an Nachwuchs, und das wird sich bald bemerkbar machen“, sagt Binkert. Weiter schlägt er vor, die Unterrichtsstunden der Lehrer zu verringern, um mehr Zeit für soziale Probleme der Schüler zu haben. Eine weitere Möglichkeit wäre, den Klassenteiler zu senken, was weniger Schüler pro Klasse bedeuten würde. „Vielleicht gibt es aber auch gar keine Lösung für diese Probleme“, meint Binkert. „Vielleicht liegt es auch einfach an meinem Alter und dass ich nicht mehr über den Tellerrand schauen kann. Da müssen jetzt jüngere Kollegen ran.“

Schulleiter Manfred Binkert beim Redaktionsgespräch.
Schulleiter Manfred Binkert beim Redaktionsgespräch. FOTO: Robby Lorenz