Para-Boccia : Wie ein Pendel, vor und zurück

Sie nehmen Maß. Konzentration ist alles. Noch eine letzte taktische Überlegung. Es folgt der Armschwung. Drei, vier, fünf, sechs Mal dieselbe ruhige, gleichmäßige Bewegung. Wie ein Pendel, vor und zurück. Bis das Gefühl stimmt. Dann wird die Kugel losgelassen. Mal fliegt sie weiter, im hohen Bogen. Mal kommt sie früher auf, rollt noch ein Stück – und „kickt“ eine andere Kugel zur Seite.

Anita Raguwaran, deutsche Nationalspielerin, sagt, dass ihre Sportart viel mehr sei als einfach nur Bälle werfen. „Die Leute vergessen, dass das ein taktisches Spiel ist. Dass es ein Präzisionsspiel ist. Vor einem Spiel hat man eine Idee, was man machen will. Aber letztendlich zählt jeder Ball.“ Denn: Mit jeder geworfenen Kugel kommt eine neue Situation zustande, auf die reagiert werden muss. Jede neue Konstellation erfordert eine Anpassung der Taktik. Dazu muss über die gesamte Spielzeit die Konzentration hochgehalten werden. „Das schwierige sind die Pausen“, verrät Raguwaran. Die Athletin von der BRS Gersweiler spielt Para-Boccia. Sie hat am dritten Deutschland-Cup in Gersweiler teilgenommen, wo sie sich mit 16 Teilnehmern aus fünf Nationen messen konnte. Die weiteste Anreise hatten vier Sportler, die aus Israel mit dem Flugzeug kamen. Raguwaran spielt, wie die meisten ihrer Konkurrenten, in der Klasse BC 4. Alle Teilnehmer dieser Klasse sind an den Rollstuhl gebunden und leiden an Beeinträchtigungen, die nicht auf Hirnschäden zurückgehen. Die Weltranglisten-68. gewann in ihrer Vorrunden-Gruppe beide Spiele, schied dann in der Einzel-Konkurrenz allerdings gegen den Weltragnlisten-57. Bastian Keller aus. Auch er spielt in der Nationalmannschaft. Und Keller sollte das Turnier für sich entscheiden. Im Finale besiegte er  den stärksten deutschen Para-Boccia-Spieler, den St. Ingberter Boris Nicolai. Er liegt mehr als 30 Plätze vor Keller in der Rangliste. Keller gewann das Endspiel gegen seinen Nationalmannschaftskollegen mit 4:3.

„Es ist so, dass es generell schön ist, dass wir zwei Deutsche im Finale haben. Das ist nicht selbstverständlich“, sagte Nicolai und betonte, dass er sich für Keller freue. „Im Finale habe ich einige Bälle nicht so gut gespielt. Von daher geht der Sieg von Bastian in Ordnung“, ergänzte er mit einem Schmunzeln. Überhaupt: Nicolais Fokus ist derzeit ein anderer: „Ich nehme das Turnier hier eher als Vorbereitung auf ein anderes Turnier, das Anfang Juli in Portugal stattfindet. Dort wird es auch Weltranglisten-Punkte geben, die weltbesten Spieler sind da vertreten.“

Für Raguwaran ist das nächste Großereignis die Weltmeisterschaft, die vom 12. bis zum 18. August in England stattfindet. In Liverpool treffen knapp 200 Athleten aus aller Welt aufeinander. Die deutsche Nationalmannschaft begleiten wird Edmund Minas. Er ist Vorsitzender der Behinderten und Rehabilitationssportgruppe (BRS) Gersweiler und gleichzeitig Nationaltrainer. Bis zur absoluten Weltspitze sei es für Deutschland zwar noch ein Stück. Mit der Entwicklung seiner Schützlinge ist Minas aber zufrieden: „Wir sind in der Team-Weltrangliste Zwölfter. Und das haben wir innerhalb von nur vier Jahren geschafft. Da haben wir uns schon einen Namen gemacht.“