Feuerwehrleute schreiben Geschichte

Die Grenze spielt für vieles keine Rolle mehr. Umso erstaunlicher ist, dass gerade Feuerwehrleute sie nicht ohne weiteres überwinden konnten. Am vorigen Samstag kamen Franzosen erstmals zum Trainieren rüber. Denn im Saarbrücker Westen können sie womöglich schneller helfen als manch deutscher Löschbezirk.

Nach der denkwürdigen Jahreshauptübung des Löschabschnittes West der Freiwilligen Feuerwehr Saarbrücken stand für Wehrführer Willi Wagner am ersten Septembersamstag fest: "Heute sind wir Europa." Erstmals übte ein französischer Feuerwehrtrupp, Pompiers aus Schoeneck, mit einem Löschfahrzeug auf deutschem Boden die Zusammenarbeit mit Feuerwehr-Kameraden aus dem Saarland.

Mit von der Partie waren Bezirke des Saarbrücker Löschabschnittes West, also Altenkessel, Gersweiler und Klarenthal. Außerdem halfen Alt-Saarbrücken aus dem Löschabschnitt Mitte mit dem Einsatzleitfahrzeug und die Berufsfeuerwehr mit der Drehleiter der Wache 2.

Die Übungsregisseure hatten sich Folgendes ausgedacht: Es brennt bei der Firma "Woll Sonderlösungen" am Gersweiler Ortsrand. Ein technischer Defekt hat das Feuer verursacht. Menschen sitzen im Haus fest. Darin breitet sich schnell giftiger Rauch aus. Ein Mitarbeiter schleppt sich noch aus dem Gebäude. Dann gerät er in Panik. Ein Lastwagen erfasst ihn. Dass eine Übungspuppe für diesen Teil des Härtetests ran muss, versteht sich von selbst.

Es ist also allerhand zu tun für 107 Retter. Der neue Löschabschnittsführer Stephan Boucher hat diese Teamstärke beim Antreten auf dem Zimmerplatz gemeldet.Wie nicht anders zu erwarten, sind die Gersweiler zuerst vor Ort. Wenig später folgt bereits der Wagen von der französischen Seite. Auf den ersten Blick ist für die vielen Zuschauer kaum auszumachen, wer aus welchem Land kommt. Nur wer genau aufs Kfz-Kennzeichen schaut oder die silbern leuchtenden Helme der Franzosen kennt, bemerkt, dass sich vor seinen Augen Historisches tut. Flott rollen die Retter die Schläuche aus. Hineinschießendes Wasser bläht sie auf. Nur die letzten Meter Schlauch bleiben schlaff und trocken. Denn es brennt ja nicht tatsächlich. Die Feuerwehrleute wollen beim gastfreundlichen Unternehmen mit Löschwasser keinen Schaden anrichten.

Nur die Klarenthaler im hinteren Teil des Übungsareals drehen die Strahlrohre auf, kuppeln noch einen Schaummischer an den Schlauch und sprühen den Schaum auf die zylindrischen Tanks hinter der Halle. Damit simulieren sie einen Einsatz gegen die Explosion von gefährlichen Stoffen.

Auch für die eingeklemmte Puppe naht die Rettung. Allerhand Holz brauchen die Feuerwehrleute am Lastwagen zum Unterfüttern. Pneumatische Hebekissen wuchten den Lkw hoch. Geschafft.

Wehrführer Wagner beobachtet das zufrieden. Zu kritisieren hat er nichts. Er sagt: "Danke Männer für diese Übung." Und betont den europäischen Gedanken, der in ihr steckt.

Nicht nur die Retter im Westen mussten am vorigen Samstag bei der Jahreshauptübung eine Bewährungsprobe meistern. Am anderen Ende der Stadt stellten sich Feuerwehrleute aus dem Löschabschnitt Ost und zwei Rettungswagenbesatzungen des Arbeiter-Samariter-Bundes einem nicht minder anspruchsvollen Übungsszenario: Orkanartige Böen überraschen Forstarbeiter in unwegsamem Gelände. Nicht alle können sich aus der Gefahrenzone bringen. Einige liegen verzweifelt unter umgestürzten Bäumen und bangen um ihr Leben. Jetzt sind Feuerwehr und Arbeiter-Samariter-Bund gefordert. Rund 60 Helfer arbeiten sich mit schwerem Gerät zu den Verletzten vor. Aus sicherer Entfernung sehen Zuschauer, wie die Helfer die kniffligen Aufgaben lösen, als seien sie im echten Einsatz.

Zum Thema:

An ihren silbern glänzenden Helmen zu erkennen waren die Feuerwehrleute aus dem französischen Schoeneck. Ansonsten haben die Feuerwehrausrüstungen viele Gemeinsamkeiten. Und wenn was nicht zusammenpasst, helfen für grenzüberschreitende Einsätze mitgeführte Kupplungen. Foto: Becker&Bredel. Foto: Becker&Bredel

Hintergrund Die Schoenecker Feuerwehrkameraden übten bereits vor Jahren mit dem Löschabschnitt West bei einem spektakulären Szenario an der Staatsgrenze. Auf deutsches Gebiet durften sie damals aber nicht. Ab jetzt soll das anders sein, wie die zuständige Präfektur wissen lässt. Die Verbindungsoffiziere Maxim Koch und François Vallier sagen, dass solche Kooperationen jetzt öfter gewünscht seien. Technisch ist die Zusammenarbeit unproblematisch. Wie Saarbrückens Wehrführer Willi Wagner sagt, sind die Hydrantensysteme zwar unterschiedlich. Doch führen die Löschfahrzeuge standardmäßig Übergangsstücke für den Einsatz im benachbarten Ausland mit. Um sich über Funk mit der Einsatzleitung verständigen zu können, erhalten die Rettungskräfte Handfunkgeräte. al

Mehr von Saarbrücker Zeitung