Stadtgeschichte : „Er hängt so tot da rum“

Ein Saarbrücker kämpft dafür, dass die Stadtgeschichten wie die vom geizigen Bäcker nicht in Vergessenheit geraten.

„Er hängt so tot da rum.“ Vielleicht ist das ja nicht das Schlechteste, was man über jemanden sagen kann, von dem nicht klar ist, ob er überhaupt je gelebt hat. Aber der steinerne Kopf des geizigen Bäckers, sagt Alexander Benzmüller, hänge nicht nur tot, sondern auch nichtssagend an der Schlossmauer. Alexander Benzmüller hat keine Funktion in irgendeinem Gremiuzm oder Verein, er ist kein Politiker, er ist einfach ein Saarbrücker, dem seine Stadt und ihre Geschichte am herzen liegt. Und dem das Hetz blutet, wenn er sieht, wie wenig sich andere für diese Geschichte interessieren.

Was den geizigen Bäcker angeht, der mit offenem Mund starr auf den Parkplatz unterhalb der Schlosskirche glotzt, sei es an der Zeit, dieses Stück in Stein gemeißelte Stadtgeschichte „neu in Szene zu setzen“. Die Geschichte geht so: Der hartherzige Bäcker habe während einer Hungersnot kein Mitleid gehabt mit den Armen der Stadt – und das sei auch der Fürstin zu Ohren gekommen. Sie verkleidete sich daraufhin als Bettlerin und wurde von dem geizigen Bäcker ebenso abgewiesen wie alle ihre Untertanen auch.

Im Gegensatz zum Volk hatte die Herrscherin aber die Macht, dem Bäcker eine Lektion zu erteilen. Und so berichtet die Sage, dass sie ihrem Hofbildhauer den Auftrag gab, einen Wasserspeier zu meißeln, der die Züge des geizigen Bäckers tragen sollte. Die steinerne Fratze des Bäckers wurde an der Kaimauer der Alten Brücke angebracht. Und dort musste er sich fortan dreckiges Wasser durch den Kopf gehen lassen und es in die Saar speien.

Mitte der 60er Jahre wurde der steinerne Kopf an die Schlossmauer versetzt. Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Als der steinerne Kopf im Sommer 1997 nach einer Renovierung wieder an der Schlossmauer angebracht wurde, erklärte Professor Dieter Heinz, dass es solche Wasserspeier damals entlang der Mauer mehrfach gegeben habe. Die anderen seien jedoch später bei Abbrucharbeiten verlorengegangen. Nach Ansicht des Professors, der unter anderem Konservator der Landeshauptstadt war, ist der Bäcker in Wahrheit eine Teufelsfratze, wie sie schon an gotischen Kathedralen als Wasserspeier üblich gewesen seien. Alle bisher bekannt gewordenen Geschichten, die sich um den geizigen Bäcker ranken, verwies er ins Feld der Sagen.

Welche der Geschichten auch immer stimmt, der Kopf sei ein Teil der Kultur dieser Stadt, sagt Bürger Benzmüller. Dass man im Rathaus nichts von seinem Vorschlag hält, den Kopf an die Schlossmauer an der Franz-Josef-Röder-Straße zu hängen, alkso dorthin, wo die Touristenbusse halten, betrübt ihn. Dass die Oberbürgermeisterin in einer Bürgersprechstunde auch seinen Vorschlag ein Schiuld zur Erklärung anzubringen, weil es schon viel zu viele Schilder in der Stadt gebe, macht ihn traurig. Er wäre bereit, eine Patenschaft für das Schild zu übernehmen, es regelmäßig zu reinigen. Die Oberbürgermeisterin habe die Idee nicht so toll gefunden und vorgeschlagen, dass man eine Broschüre zum geizigen Bäcker machen könne - dafür sei dann aber nicht die Stadt, sondrn der Regionalverband zuständig.

Neulich habe er drei Bekannte gefragt, ob sie wissen, wer der geizige Bäcker war. „Die haben noch nie etwas von ihm gehört. Es kann doch nicht sein, dass uns unsere Stadtgeschichte so egal ist“, sagt Benzmüller. Ob der geizige Bäcker nun gelebt hat oder nicht, seine Geschichte soll lebendig bleiben, findet er. Dafür wolle er den Verantwortlichen in den Verwaltungen weiter auf die Nerven gehen.