Reise-Erlebnis : Plötzlich gefangen auf der Rudelsburg

Annelie und Hartwig Cremers aus Saarbrücken machten kurz nach der Wende eine Tour nach Ostdeutschland und vergaßen die Zeit.

In unserer kleinen Sommerserie „Reise-Erlebnisse“ erzählen wir von großen und kleinen Abenteuern auf Reisen, die unsere Leser gern mit uns teilen möchten. Heute: Annelie Cremers aus Saarbrücken.

Neugierig waren Annelie Cremers und ihr Mann Hartwig auf das, was sich hinter dem Eisernen Vorhang verbarg. Und deshalb machten sie sich gleich nach der Wende im Sommer 1990 auf zu einer Tour nach Ostdeutschland.

Eines späten Nachmittages erreichten sie die Rudelsburg oberhalb der Saale in Sachsen-Anhalt. Dicke Mauern umfassten ein schweres Eisengittertor, dahinter ein lauschiger Burghof mit hohen Bäumen, in deren Schatten aber leider schon alle Tische der Burgwirtschaft besetzt waren. Ein Kellner eilte mit riesigem Tablett zwischen den vielen Gästen hin und her. Also entschlossen sich die Cremers, zunächst den 20 Meter hohen Burgfried zu erklimmen, um die Aussicht zu genießen. Den Eintritt von 20 Pfennig pro Person bezahlt, stiegen sie die schmale Wendeltreppe hoch und machten etwa in der Mitte Halt, um die dort ausgestellten Fotos und Fundstücke zu begutachten. Schließlich oben angekommen verzauberte sie das Panorama der hügeligen Waldlandschaft so sehr, dass sie die Zeit vergaßen. Längst war die Familie mit zwei lebhaften Kindern, die mit ihnen gleichzeitig oben waren, verschwunden, als sie wieder nach unten stiegen. Auch der Burghof war völlig verwaist, alles aufgeräumt, die Gaststätte hatte geschlossen. „Schade, keinen Kaffee mehr“, sagten die zwei zu sich und wollten das Gelände verlassen. Aber das war gar nicht möglich: Das große Tor war verriegelt, kein Mensch mehr zu sehen, auch nicht auf dem Burgvorplatz. „Außer unserem Wagen stand da jetzt nur noch ein einziger Trabi, leer“, sagt Annelie Cremers.

Was nun? Über die Burgmauer klettern, die steile Felswand hinunter und durch den Burggraben hindurch? Keine Chance. Die Dämmerung setzte ein, langsam wurde es kühl. Hartwig suchte den Hof ab, fand aber nichts Nützliches außer einem Tisch. Den stellte er ans Tor und versuchte, mit dem Taschenmesser die Schrauben am Torschloss zu lösen. Vergebens.

Dann, plötzlich, draußen Stimmen um den Trabi herum. Die Cremers riefen laut um Hilfe – und bekamen Antwort von einer jungen Familien aus Mecklenburg, selbst auf Reisen. Doch die Polizei herbei holen wollten die Mecklenburger nicht – „das macht man bei uns nicht“, rechtfertigte sich der Vater. Dafür aber schnappte er sich eine Kiste – „ein DDR-Bürger hat seine Werkstatt immer dabei“ – und reichte die passenden Werkzeuge durch das Torgitter. Hartwig Cremers schraubte das Schloss auf, und er und seine Frau waren befreit.

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