Fußballer (23) aus St. Arnual verliert Unterschenkel

Schicksalsschlag : Manchmal hast du einfach keinen Bock mehr

Wie ein Sportunfall das Leben des jungen Fußballers Stefan Schmidt völlig aus den Angeln hob. Die SZ besuchte ihn im Krankenhaus.

Kurz nach neun in der achten Etage im Haupthaus des Saarbrücker Klinikums auf dem Winterberg. Die Sommersonne scheint vom wolkenlosen Himmel. Draußen misst das Thermometer bereits weit mehr als 20 Grad.

Vor Keimen schützen

Deshalb stehen die Türen der meisten Patientenzimmer auf der Station 81, Gefäßchirurgie, sperrangelweit offen. Nur einige wenige Pforten sind geschlossen, an denen die Ärzte anklopfen, bevor sie zur allmorgentlichen Visite eintreten. So wie die von Raum  856. Hier wartet Stefan Schmidt auf die Mediziner, die vertrauensvoll ruhig mit ihrem Schützling sprechen. Die Tür fällt wieder ins Schloss, um ihn in seinem Einzelzimmer vor allzu neugierigen Blicken Fremder  und ihm gefährlich werdenden Keimen zu schützen.

Leben auf der Kippe

Der junge Mann harrt bereits einige Wochen hier aus. Zeitweise stand sogar sein Leben auf der Kippe. „Die Zeit reibt dich auf“, sagt der 23-Jährige. Der junge Sportler schaut ernst, während er im Rollstuhl sitzt. Er wird sich noch eine ganze Weile in Obhut der Mediziner gedulden müssen.

15 Operationen nach einem Sportunfall

  Der Auslöser für dieses Martyrium: folgenschwere Komplikationen nach einer der mittlerweile 15 Operationen wegen eines Sportunfalls vom 24. Mai. Es ging um die Meisterschaft in der Fußball-Kreisliga A Halberg. Die alles entscheidende Partie zwischen SV Schafbrücke und FC St. Arnual. Stefan kickt für die Daarler. Seine große Leidenschaft von klein auf. „Seit ich fünf bin, spiele ich Fußball“, untermauert er.

Schien- und Wadenbein gebrochen

In der vierten Spielminute prallte der Außenspieler mit dem Torwart zusammen, stürzte und blieb liegen. Sanitäter brachten ihn nach einigen Minuten vom Spielfeld. Stefan reckte, während der auf der Trage lag,  die Arme in die Luft und klatschte anfeuernd. Er aber kehrte nicht zurück ins Spiel. Bei dem Zusammenstoß hatte er sich das rechte Schien- und Wadenbein gebrochen.

Noch in der Nacht kam der junge Mann unters Messer. Und statt es ab da aufwärts ging, verschlimmerte sich sein Gesundheitszustand binnen weniger Tage rapide. Die Wund verheilte nicht. Keime hatten sich eingenistet. „Das Bein wurde blau, das Knie war dick. Ich sagte, dass ich kein Gefühl mehr in meinen Zehen hatte“, berichtet Stefan.

Gefäße verstopft

Darauf sei er mit Kühlakkus versorgt worden, damit die Schwellung abklingt. Es wurde schlimmer. Der Fußballer erlitt eine Thrombose, ein lebensgefährliches Blutgerinnsel, das die Gefäße verstopft. „Dann setzten die Nieren aus“, legt Stefan nach.  Die Ärzte entschieden, Stefan ins künstliche Koma zu versetzen.

Dann die schicksalshafte Botschaft: Der rechte Unterschenkel war nicht mehr zu retten. Stefan hegt keinen Groll. Vielmehr lobt er: „Das war ein super Ärzteteam. Es hat mich nach den Schwierigkeiten darauf vorbereitet, dass so etwas passieren kann.“  Danach schoss dem leidenschaftlichen Sportler durch den Kopf: „Kann ich danach noch Auto fahren und Fußball spielen?“ Eigentlich Banalitäten, wie er heute bei dem Gedanken darüber einschätzt, dass er tot sein könnte. Doch er ist  nícht nur auf dem Fußballplatz zuhause. „Ich bin begeisterter Läufer.“ Er drehte bis zu jenem Tag im Mai seine Runden im Wald, an der Saar entlang, im Deutsch-Französischen Garten.

Ärzte haben alles versucht

Obwohl die Ärzte im Winterberg-Klinikum alles versucht hätten, das Bein zu heilen – am 9. Juni trafen sie die unwiderrufliche Entscheidung. „Als es hieß Amputation, war ich sehr gefasst“, erinnert sich der Patient zurück.

 Bis heute trägt Stefan einen dicken Verband am rechten Bein,  ist   die klaffende Wunde nicht verheilt. Er schaut auf den Stumpf. Doch von einer Sekunde zur anderen ändert sich  Stefans Mimik.  Der nachdenklich resignierte Ausdruck – wie verflogen. Auf einmal schöpft er Hoffnung.  „Das wird mega!“, platzt es aus ihm heraus. Und schildert seine Pläne. Er hat sich Videos im Internet angeschaut, Filme, die Sportler mit Prothesen im Einsatz zeigen. Genau so sieht er sich künftig.

Aktion gestartet

 Damit er eine entsprechend hochwertiges Hilfsmittel bekommt, haben Freunde, Sportkollegen aus dem Verein und mittlerweile auch viele Unbekannte, die von dem Schicksal mitbekommen haben, eine Aktion gestartet: „Angriff ins Leben“ soll genügend Geld für beste medizinische Betreuung zusammenbringen. Und eben für eine Prothese, wie sie Sportler haben. „Mein Vater sagt: Das wird ein Mercedes“, zitiert Stefan und lacht.

Immer wieder Gemütsschwankungen

Dann wird er wieder nachdenklicher. Gemütsschwankungen, die Stefan bestätigt. Er schildert einen  Tag der vergangenen Woche. Sein Vater war am Vormittag bei ihm in der Klinik. „Ich hatte Schmerzen, konnte nicht aus dem Bett raus. Mein Vater hat mir geholfen. Ich hatte keinen Bock mehr. Er hat mich getröstet. Ich habe geheult. Und trotz der tröstenden Worte wird es bis abends nicht besser. Bis du die Rotzaugen zumachst. Und dann ist ein neuer Tag.“ Stefan schämt sich nicht für seine Tränen an solchen schweren Tagen. Ganz selbstbewusst fügt er hinzu: „Das steht dir auch zu!“

Viele Unterstützer

Aus diesen depressiven Tälern holten ihn viele Unterstützer hervor. Viele Überraschungen, die ihn seit Wochen überhäufen: Besuch vom 1. FC Saarbrücken, ein signiertes Trikot  der DFB-Elf, die den Confederations Cup in St. Petersburg gewann, eine Spende des Schalke-04-Fanclubs aus dem Sulzbachtal sind eine knappe Auswahl dessen, was auf Stefan zurzeit einprasselt.

Wie Kollegen eines Saarbrücker Fleischwarenhandels, bei dem er als Lebensmittel-Fachverkäufer arbeitet, die vorbeischauten. Stefan grinst und fängt an zu albern.  „Einer kam rein, umarmte mich. Sagte mir unter Tränen, dass ich das alles nicht verdient habe, und heulte weiter. Da musste doch tatsächlich ich ihn trösten.“

Freundin gibt ihm Halt

Besonderen Halt gibt ihm Freundin Franzi. Stefan schaut ein wenig verschämt, als er davon erzählt. Wie sie bei ihm am Bett stand, als er aus der Narkose aufwachte. Sie ihn in jeder freien Minute pflegt, die Krankenschwester aus Riegelsberg. „Das hat uns zusammengeschweißt.“

Trotz dieses Halts hier zuhause will er seine Therapie in einer Reha bloß nicht hier in der Nähe antreten. „Ich möchte weit weg, mindestens 200 Kilometer.“ Um einerseits Abstand zu den einschneidenden Erlebnissen zu gewinnen, andererseits eine Einrichtung zu finden, die Sport ganz groß schreibt. Er will wieder laufen und Fußball spielen.

Zuversichtlich in die Zukunft

Das Patientenzimmer des verunglückten Fußballers Stefan Schmidt (23) aus St. Arnual. Foto: Matthias Zimmermann
Hinter dieser verschlosenen Tür ruht Stefan Schmidt (23), St. Arnualer Fußballer, nach seinem Unglück. Foto: Matthias Zimmermann

Vielleicht in einem Team des Verbands des  Amputierten-Fußballs? Könnte sein. Denn Christian Heintz, für die nationale Auswahl verantwortlich, schaute ebenfalls bei Stefan im Krankenzimmer vorbei. Der Patient schwärmt davon, wie Heintz festen Schrittes ins Zimmer trat, als trage er gar keine Beinprothese. Heintz trete wie jeder auf, der zwei gesunde Beine hat. „Vielleicht trägt dieser Kontakt ja Früchte“, blickt der Patient zuversichtlich in die Zukunft.