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Es rumort in der freien Szene Saarbrückens

Kulturpolitik : Die Kulturszene, der OB und das liebe Geld

Es brodelt in der Saarbrücker Kulturszene, es werden Gespräche hinter verschlossenen Türen geführt, offene Briefe ausgetauscht und auch mal eine Beleidigung. Wir versuchen hier, einen kleinen Überblick zu geben, was gerade so passiert.

In der Saarbrücker Kulturszene ist eine so große Unruhe ausgebrochen wie seit Jahrzehnten nicht. Und das liegt nicht (nur) an Corona. Es liegt an einem Zusammentreffen von  mindestens drei Faktoren.

Faktor eins: Saarbrücken hat einen neuen Oberbürgermeister. Uwe Conradt ist kulturell bisher jenseits seiner früheren Funktion als Chef der Landesmedienanstalt noch nicht in Erscheinung getreten. Die Kulturszene weiß also noch nicht, womit sie bei ihm rechnen muss und ist entsprechend nervös.

Faktor zwei: Einer der wichtigsten Kultur-Mitarbeiter der Stadt Saarbrücken nähert sich dem Pensionsalter. Thomas Altpeter hat wie niemand sonst die Kulturszene der Landeshauptstadt in den letzten 20 Jahren geprägt. Er kennt praktisch jeden  und jede, die in dieser Stadt Kultur machen, hat die  Entwicklung eines Saarbrücker Kulturprofils vorangetrieben und mit wenigen öffentlichen Mitteln viel erreicht. Sein Fachwissen ist so schnell nicht zu ersetzen.

Faktor drei: Hier kommt dann doch noch Corona ins Spiel. Diese Seuche und die staatlichen Gegenmaßnahmen haben die Kulturszene in eine nie dagewesene Existenzkrise gestürzt. Betroffen sind hier aber nicht nur die „produzierenden“ Künstler der freien  Szene, die bisher von der städtischen Förderung profitierten.

Es waren und sind auch praktisch alle Veranstalter und Einzelkünstler betroffen. Große und kleine Musik-Clubs geraten in die Krise, kleine und auch große, bisher gut verdienende Konzertveranstalter stehen vor dem Nichts. Und alle erhoffen sich Hilfe von der Politik.

Vertreten werden viele dieser Veranstalter vom Pop-Rat. Diese agile Interessenvertretung von Menschen, die von und mit der Pop-Kultur leben, ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Viele Mitglieder aus dem kreativen Bereich, neben den Konzertveranstaltern etwa auch  Designer, Musikerinnen und Musiker,  Musikproduzenten, Fotografen und Spieleentwickler oder Kreative aus der Werbebranche, haben sich in diesem eingetragenen Verein zusammengeschlossen, um gemeinsam stärker zu sein.

Diese Schlagkraft hat sich just in der Corona-Krise bewährt. Denn der Pop-Rat, und hier insbesondere sein Vorsitzender Peter Meyer, zeigte sich als gut vernetzt und reagierte schnell mit Forderungen und kreativen Angeboten auf die Krise.

Unter anderem führte der Pop-Rat Gespräche beim CDU-Ministerpräsidenten Tobias Hans, und eben auch im Saarbrücker Rathaus beim CDU-Oberbürgermeister Uwe Conradt. Was dazu führte, dass die Not der Kulturveranstalter, die durch die Corona-Maßnahmen plötzlich null Einnahmen hatten, verstanden wurde. Der OB nebst Stadtrat organisierten einen außerplanmäßigen zusätzlichen Geldtopf, aus dem zumindest kleine Zuschüsse ausgezahlt wurden.

Soweit, so erfreulich. Allerdings stehen nun alle Beteiligten vor dem Problem, dass der Kulturbetrieb wohl auch im nächsten Jahr noch nicht wie früher laufen wird. Etliche Veranstalter also auch weiter Hilfe brauchen werden. Die Stadt Saarbrücken aber hat ihren Kulturförderetat seit vielen Jahren nicht erhöht. Er beträgt seit gut 20 Jahren gerade mal 103 000 Euro – ist also real sogar extrem gesunken. Er hat bisher schon nicht gereicht, jetzt drängen aber noch andere an den mäßig gefüllten Topf.

Hinzu kommt, dass bei dem wegen Corona geschaffenen sogenannten Solidaritäts-Fonds erstmals ein Instrument genutzt wurdet, das womöglich künftig auch auf die gesamte Förderung der städtischen Kultur angewandt werden soll: das Jury-Modell soll das, nennen wir es mal Altpeter-Modell ersetzen. Und daran scheiden sich die Geister quer durch alle Teile der Szene.

Bisher wird über Zuschüsse für Produktionen der freien Szene vom Kulturausschuss des Stadtrates entschieden. Aufgrund einer Vorlage, die bisher Thomas Altpeter mit all seiner Kompetenz und nach Kriterien wie „professionell“ und „Innovativ“ auswählt.

Eher nicht zum Zuge kommen in diesem Modell (das im Übrigen der Stadtrat einst absegnete) popkulturelle Angebote, Komödien, Kabarett etc. – da hier davon ausgegangen wird, dass solche breitentaugliche Kultur sich selbst tragen kann. Vor Corona war das ja auch so, wenn auch meist mit Mühe und Not.

Die 103 000 Euro gehen bisher vorrangig an besondere Produktionen und Gruppen. Wie etwa, um das prominenteste zu nennen, das Liquid Penguin Ensemble, dessen originelle Performances irgendwo zwischen Klang- und Sprachforschung zwar vielfach ausgezeichnet wurden, aber niemals massentauglich wären. Ohne staatliche Förderung könnte eine solche Kultur nicht gedeihen.

Der Oberbürgermeister und sein Kulturdezernent Thomas Brück (Grüne) überlegen nun aber, dieses Modell zu kippen und eine Jury über die Mittel-Vergabe entscheiden zu lassen. Die Befürworter dieses Modells, darunter viele „Pop-Räte“, meldeten sich in einem        offenen Brief, den der Kulturunternehmer Frank Lion (Theaterschiff Maria Helena) initiiert hatte. Nur wenige Tage nach Erscheinen dieses Briefes wurden die Unterzeichner zum Gespräch beim OB gebeten. Das Gespräch fand vor ein paar Tagen statt und – so ein Teilnehmer – man habe den Eindruck gehabt, dass der OB die Sache ernst nehme.

In einem zweiten offenen Brief wandte sich jedoch wenige Tage später ein anderer, recht großer Teil der Szene vehement gegen das Jury-Modell – darunter viele Künstlerinnen und Künstler, die seit vielen Jahren in Saarbrücken ihre oft sehr anspruchsvollen Produktionen erarbeiten.

Irgendwo dazwischen: das Netzwerk Freie Szene. Dieser Zusammenschluss vieler freier Künstlerinnen und Künstler in Saarbrücken hat einiges Gewicht. Er hat sich aber bewusst bisher nicht in eine Richtung positioniert und versucht, die Spaltung zu verhindern. Ausgerechnet dieses wichtige Netzwerk allerdings, so hört man aus betroffenen Kreisen, bittet seit Monaten vergeblich um einen Termin beim Oberbürgermeister. Erst vor wenigen Tagen kam eine erneute Absage.

Auf der  Kulturbaustelle? Oberbürgermeister Uwe Conradt führt viele Gespräch. Foto: Thomas Wieck

Aber die Unterzeichner des zwei- 

ten offenen Briefs haben vielleicht mehr Chancen.  Auf Anfrage der SZ teilte die städtische Pressestelle nämlich mit: „Auch für Gespräche mit dieser Gruppe ist der Oberbürgermeister offen. Der Austausch mit allen Akteuren der Kulturszene ist ihm nach wie vor ein wichtiges Anliegen.“