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Zwei Frauen und ihr künstlerischer Blick auf den männlichen Körper
„Es geht nicht bloß um nackte Männerkörper“

Saarbrücken. In der Stadtgalerie läuft die spannende Ausstellung „In the cut“. Star der Schau ist die 79-jährige Herlinde Koelbel. Wir stellen sie und eine Künstlerin der jungen Generation, Paula Winkler, vor. Von Isabell Nina Schirra

Das Plakat der neuen Ausstellung „In the cut – Der männliche Körper in der feministischen Kunst“ in der Stadtgalerie Saarbrücken ziert ein Penis, der gerade noch so halb verdeckt aus einer geöffneten Hose hervorblitzt. Provokant. Eine Fotografie von Herlinde Koelbl. Dieselbe Aufnahme hatte man schon 1986 für das Plakat zu Koelbls Ausstellung „Männer“ in der Stadtgalerie ausgesucht.


Es ist ein bewusster Rückgriff auf eine Schau, die schon damals für Furore gesorgt hat. Denn: Wie kaum eine andere Künstlerin hat die heute 79-jährige Herlinde Koelbl den Weg für eine feministische Auseinandersetzung mit dem männlichen Körper in der Kunst geebnet. Während es bis in die 1970er Jahre vor allem der weibliche Körper war, mit dem sich Künstler, aber auch Künstlerinnen, beschäftigten, richtete Koelbl 1982 zum ersten Mal den Blick auf den männlichen Körper.

Daher fungieren Herlinde Koelbls Fotoarbeiten auch als zentraler Einstieg in die neue Saarbrücker Ausstellung. Seit Koelbls „Männer“ zum letzten Mal vor rund 30 Jahren in der Stadtgalerie hingen, ist viel passiert. Die Gesellschaft ist freier geworden. Könnte man meinen. Aber so einfach ist das dann wohl doch nicht. Koelbl spricht in diesem Zusammenhang von „zwei Ebenen“. Einerseits gibt es natürlich so etwas wie eine sexuell befreite Gesellschaft – das Internet ermöglicht uns mühelosen Zugriff „zu fast jeglicher Perversität“, so Koelbl. Andererseits gibt es da den öffentlichen Raum, in welchem die Gesellschaft „viel prüder“ agiere, als in ihrer frühen Karriere. Diese ambivalente Entwicklung, sagt Koelbl, sei völlig neuartig.

So sorgen die männlichen Akte – im Kontext des öffentlichen Raumes – auch heute noch für Aufsehen. Koelbl erinnert sich, dass ihre „Männer“-Ausstellung in den 1980er-Jahren von einem Ingolstadter Pfarrer als „unmöglich im öffentlichen Raum“ bezeichnet wurde. Ein Stadtrat wollte das Stattfinden der Ausstellung gar verbieten.

Während solch extreme Reaktionen heute vielleicht nicht mehr denkbar sind, ist der weibliche Blick auf den männlichen Körper dennoch alles andere als „normal“. Das Grundthema hinter Koelbls „Männer“-Aufnahmen – das Verhältnis zwischen Mann und Frau – scheint also mehr denn je gesellschaftlich relevant zu sein.



„Es ging nicht bloß darum, nackte Männerkörper abzubilden“, sagt Koelbl. Vielmehr ging es darum, das Mann-Frau-Verhältnis als essentiellen gesellschaftlichen Grundsatz zu ergründen, unter Einbezug von Themen wie Sinnlichkeit und Erotik.

Koelbl unterscheidet dabei auch klar den weiblichen vom homoerotischen Blick. „Männerkörper wurden fast immer durch schwule Fotografen abgebildet, Frauen setzen sich jedoch ganz anders damit auseinander“, sagt sie. Abgesehen vom sexuellen Aspekt, herrsche eine viel größere Dualität zwischen Mann und Frau. In der feministischen, künstlerischen Auseinandersetzung mit dem männlichen Körper spielt daher auch immer die Machtfrage eine tragende Rolle.

Wenn Herlinde Koelbl also als Frau einen nackten Männerkörper abbildet, kehrt sie gewissermaßen die gesellschaftlich etablierten Machtverhältnisse um. Daraus ergibt sich auch die Tatsache, dass es für viele Männer damals „beunruhigend“ war, wie Koelbl sagt, dass auch der männliche Körper plötzlich Gegenstand einer künstlerischen Betrachtung war.

Herlinde Koelbl sieht ihre „Männer“-Reihe auch im Kontext und als Teil einer ganzen Bewegung, seit welcher auch der Männerkörper in den Medien „benutzt“ wird. Frauen standen dieser Entwicklung natürlich interessiert und positiv gegenüber. Männer hingegen mussten sich erst einmal daran gewöhnen, dass auch ihr Körper jetzt zur Ware gemacht wurde, wie ein Journalist Herlinde Koelbl einst gestand.

Dennoch zeichnet ihre Aufnahmen eine unfassbare Leichtigkeit aus – was wohl vor allem daran liegt, dass Koelbl für ihre Serie Männer mit „Charisma“, wie sie sagt, fotografiert hat. „Ich habe die Männer im Vorfeld nicht nackt gesehen“, stellt die Fotografin klar. Es gab lediglich ein kurzes Porträt. Die Männer mussten sich trauen, etwas zu zeigen, durften sich nicht genieren. Denn nur so könnten durch eine Fotografie eine bestimmte Energie und Geisteshaltung transportiert werden.

Die Frage, ob sie stolz sei, den Stein für eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem männlichen Körper ins Rollen gebracht zu haben, verneint Herlinde Koelbl. Darüber mache sie sich keine Gedanken. Aber „es hat Spuren in den Köpfen vieler Menschen hinterlassen“, sagt sie.

Als ihr Buch „Männer“ herauskam, war das etwas völlig neues, es entstand eine neue Diskussion, „das war schon eine größere Geschichte“, sagt Koelbl. Doch im Mainstream angekommen scheint das Thema noch nicht zu sein – laut Koelbl ist „In the cut“ die erste und einzige Ausstellung, die sich explizit mit der weiblichen Sexualität und dem männlichen Körper auseinandersetzt.

Und auch die Zusammenstellung empfindet sie als völlig neuartig, da „In the cut“, unter Einbeziehung zahlreicher Künstlerinnen, gleichzeitig einen historischen Überblick zur künstlerischen Bearbeitung des Themas liefert. Somit sei die neue Ausstellung der Stadtgalerie ein wichtiger Beitrag, um die Diskussion um den männlichen Körper und die weibliche Sexualität zurück in die Gesellschaft zu holen.

„In the cut - Der männliche Körper in der feministischen Kunst“: bis 30. September in der Stadtgalerie Saarbrücken.