Weltkrieg in Saarbrücken : „Die Leute kamen, um zu beten und zu beichten“

Der Erste Weltkrieg hat tiefe Spuren in Saarbrücken hinterlassen. Kaum eine andere Stadt im Reich wurde so häufig bombardiert.

Herr Jung, wie war wohl die Stimmung unter den Saarbrückern am Tag der Kapitulation, dem 11. November 1918?

Jung: Da war eine gewisse Ratlosigkeit. Viele Saarbrücker waren natürlich froh, dass der Krieg vorbei war. Gleichzeitig stellte man sich die Frage: Was kommt jetzt? Es hatten sich Arbeiter- und Soldatenräte gebildet, und am 22. November marschierten bereits französische Truppen ein.

Was kann man über die Opfer und Schäden in Saarbrücken sagen?

Jung: Das kann ich nicht genau sagen. Saarbrücken lag im Hinterland der Front. Der Krieg tobte in Frankreich. Aber Saarbrücken war zumindest eine der Städte im Deutschen Reich mit den meisten Luftangriffen. Das hing mit der geringen Reichweite der damaligen Flugzeuge zusammen. Die sind in Nancy aufgestiegen, hierher geflogen und haben ihre Bomben abgeworfen. Viele Saarbrücker sind damals aus Neugier auf die Straße gelaufen, weil sie noch nie ein Flugzeug gesehen hatten. Manch einer wurde dabei dann getötet. Innerhalb weniger Monate kamen Tausende von Verwundeten nach Saarbrücken. Die Lazarette waren voll. Dann richtete man in Privathäusern Notlazarette ein, auch in Villen wohlhabender Bürger.

Wie war die Versorgungslage?

Jung: Es mangelte vor allem an Lebensmitteln und Rohstoffen. Ganz schlimm war der sogenannte Steckrübenwinter 1916/1917. Es gab so wenig zu essen, dass selbst Tierfutter auf den Tellern landete. Die Menschen waren aber erfinderisch und haben alles Mögliche daraus gemacht. Es gab Steckrüben-Schnitzel, Steckrüben-Auflauf oder Steckrüben-Pudding. Zudem gab es Kartoffel-Brot, das mit Kartoffelmehl gebacken wurde. Das fiel schnell auseinander, so dass die Bäcker es in Kastenform buken, um das Brot in Form zu halten. Der Alltag in Saarbrücken war auch von der Rohstoffknappheit geprägt. Es gab ständig Sammelaktionen, zu denen Schulklassen herangezogen wurden. Die Schüler fanden das anfangs auch toll, weil sie schulfrei hatten. Die haben Metall gesammelt oder Brennnessel und Bucheckern. Irgendwann wurde es den Schülern zu viel, denn das war nicht immer angenehm. Folge der Ernährungskrise war häufig Unterernährung. Viele Mütter haben ihre Essensrationen an ihre Kinder abgegeben. Und als dann 1918 die Spanische Grippe ausbrach, hatten sie dem nicht viel entgegenzusetzen. Die Spanische Grippe hat insgesamt innerhalb weniger Monate mehr Menschen getötet als der Erste Weltkrieg in vier Jahren. Man geht davon aus, dass im Krieg 17 Millionen Menschen starben, durch die Grippe-Epidemie dagegen rund 50 Millionen Menschen.

Wie präsent war das Militär?

Jung: Es gab verschiedene Kasernen, Artillerie-Kaserne mit Lazarett in St. Arnual, die Dragoner waren aber Ludwigsplatz, und es gab ein Regiment Ulanen. Es gab sogar Streit um die Standorte zwischen den Bürgermeistern von Saarbrücken und St. Johann. Das Militär hat das Stadtbild geprägt. Zudem gab es zahlreiche Veteranenverbände, die die Erinnerung an den Krieg von 1870/1871 wach gehalten haben. Die Kriegervereine waren zum Beispiel bei den Gedenkfeiern auf den Spicherer Höhen dabei. Das hat auch das Bild vom Krieg bei den jungen Leuten geprägt. Es war aber ein stark idealisiertes Bild des Krieges, sie selbst kamen dann aber in einen Krieg, der völlig anders war, vollkommen industrialisiert. Das war für viele ein Schock.

Dennoch waren im August 1914 viele Deutsche vom Krieg begeistert.

Jung: Das war so. Vor allem das gehobene Bildungsbürgertum war in Kriegsstimmung. Viele Gymnasiasten aus Saarbrücken meldeten sich freiwillig zum Militär. Das wurde sogar mehr oder weniger erwartet, dass sich die Oberstufenklassen meldeten. Manch einer, der keine Lust hatte, musste dann mitziehen, um nicht als Feigling dazustehen. Das Gefallenenbuch des Saarbrücker Ludwigsgymnasiums erinnert im Museum an 170 gefallene Lehrer und Schüler. Auf der anderen Seite hatten viele Menschen Angst vor dem Krieg. Die Kirchen in Saarbrücken waren voll. Viele Menschen kamen, um zu beten und zu beichten.

Zum Ersten Weltkrieg zeigt das Historische Museum Saar eine Dauerausstellung.

Reiner Jung hat die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg damals mitgestaltet. Foto: Historisches Museum
Dieser eiserne Ritter wurde 1915 vor der Saarbrücker Ursulinenschule aufgestellt. Wer Geld gespendet hat, durfte einen Nagel einschlagen. Das diente einerseits zur Kriegsfinanzierung, andererseits wurden damit Kriegerwitwen und -waisen unterstützt. Foto: Historisches Museum

www.historisches-museum.org