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Erster Weltkrieg
Wie der Krieg Saarbrücken veränderte

Nach 1918 kontrollierten Franzosen (re.) die Saarbrücker Brücken.
Nach 1918 kontrollierten Franzosen (re.) die Saarbrücker Brücken. FOTO: picture-alliance / akg-images / dpa Picture-Alliance/akg-images
Saarbrücken. Am Sonntag jährt sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Die Saarbrücker Zeitung berichtete täglich über die Ereignisse. Von Jörg Wingertszahn

Will man sich im Nachhinein über den Alltag im Ersten Weltkrieg in der Region informieren, lohnt grundsätzlich ein Blick in die Rubrik „Aus Stadt und Land Saarbrücken – Rheinprovinz, Pfalz, Reichsland“. Meist standen solche Nachrichten auf Seite 2 oder 3 der Saarbrücker Zeitung, die Seite 1 war damals in der Regel der großen Weltpolitik vorbehalten.


Wie viele andere Blätter stimmte die SZ in den allgemeinen Freudentaumel ein, glaubte man doch, man habe es mit einem zeitlich wie räumlich begrenzten Krieg zu tun wie in der Vergangenheit. Die Siegesgewissheit war groß.

„Mobil!“ hieß es am Montag, 3. August, zwei Tage nach Kriegsbeginn. „Dieser Kriegsruf wirkte am Samstag in der hiesigen Bevölkerung in der unerträglichen Spannung der letzten Tage wie eine Befreiung von dumpfem Druck, der sich beängstigend über alle Kreise gelegt hatte. Mobil! Der Aufruf zu den Waffen flog in Windeseile von Mund zu Mund und löste überall eine tiefe, patriotische Begeisterung aus. (. . .) Tausende von Menschen standen am Samstag (Tag des Kriegsbeginns) vor unserem Geschäftslokal (der Saarbrücker Zeitung, Anm. d. Red.). Aufregende Gerüchte schwirrten durch die Menge. Da traf um halb sechs die Meldung von der Mobilmachung ein. Als wir kurz vor viertel vor sechs den Anschlag vollzogen, wurde die Nachricht zunächst mit ernstem Schweigen aufgenommen. Dann brauste aber ein erlösendes dreifach Hoch auf Deutschland durch die Luft, eine Begeisterung auslösend, die ordentlich befreiend wirkte. (. . .) Mag kommen, was da kommen mag, der König ruft, und alle, alle kamen.“



Die Titelseite der SZ vom 10. November verkündete den Rücktritt des Kaisers.
Die Titelseite der SZ vom 10. November verkündete den Rücktritt des Kaisers.

Aller Begeisterung zum Trotz blieb die Mobilmachung nicht ohne unmittelbare Folgen für die Bevölkerung an der Saar. So ließ der damalige Oberbürgermeister Emil Mangold in der Saarbrücker Zeitung mitteilen: „Durch die Mobilmachung und die Militärtransporte der Eisenbahn ist die Einfuhr von Milch zeitweise eingeschränkt. Alle Milch, welche in die Stadt kommt, muss deshalb für diejenigen ausschließlich verwendet werden, für die sie unentbehrlich ist: für unsere jungen Mitbürger in den beiden ersten Lebensjahren.“ Nach Kriegsende wurde Mangold von der französischen Militärverwaltung abgesetzt und ausgewiesen.

Erst 1909 war Saarbrücken zur Großstadt geworden. Damals hatten sich Saarbrücken, Burbach, Malstatt und St. Johann zusammengeschlossen. Saarbrücken wurde zur fünftgrößten linksrheinischen Stadt mit über 100 000 Einwohnern.

Titelseiten der Saarbrücker Zeitung aus dem Jahr 1918 FOTO: SZ

Das Land wurde zum Aufmarschgebiet, und so wurde der neue Eisenbahn-Fahrplan, der erst seit 1. Mai galt, außer Kraft gesetzt und durch einen neuen ersetzt. Ab da fand die Beförderung von Privatpersonen „nur noch nach Maßgabe des vorhandenen Raumes statt“ – Militärtransporte hatten Vorrang.

Durch die Grenzlage – und damit die Nähe zum Feind – schlug die patriotische Begeisterung auch schon mal in Hysterie um, so dass sich der Königliche Polizeidirektor per Bekanntmachung zum Einschreiten genötigt sah: „Es sind gestern mehrere harmlose Passanten als angebliche Spione von größeren Menschenmengen erheblich verletzt worden. (...) Wenn ich auch nicht verkenne, dass patriotische Gefühle neben neugieriger Schaulust die Triebfeder dieser Handlungen sind, so können diese nicht länger geduldet werden.“

Der Krieg nahm seinen Lauf und erreichte mit der Schlacht um Verdun 1916 einen blutigen Höhepunkt. Die Zeitung berichtete von dem monatelangen Feldzug mit einer fast täglich erscheinenden Rubrik „Kämpfe vor Verdun“. Ausführliche Details der Erstürmung des Forts Douaumont erfuhr der Leser am 26. Februar 1916 auf Seite 2 in einer Mitteilung der Obersten Heeresleitung. Dort beschrieb das Oberkommando, wie das Brandenburgische Infanterie-Regiment Nr. 24 in einem Handstreich die Festung eroberte. Die federführenden Offiziere wurden namentlich erwähnt und belobigt.

Die Front erstarrte jedoch, die Erfolge wurden weniger. Dafür nahmen die Luftangriffe auf Saarbrücken und Umgebung zu – ein Umstand, dem man mit Verdunkelung begegnete. Die „abendliche und nächtliche Straßenbeleuchtung“ wurde „auf das notwendigste eingeschränkt“.

Die Lage des Deutschen Reiches wurde aussichtsloser. Eine Wende versprach man sich vom uneingeschränkten U-Boot-Krieg. „Der Zeitpunkt ist gekommen, wo alle Rücksichten zu schweigen haben. Wir wollen siegen, denn wir wollen am Leben bleiben“, kommentierte die Zeitung am 1. Februar 1917. Die Übermacht der Entente-Mächte und besonders der USA, die im selben Jahr in den Krieg eintraten, war jedoch zu groß.

Das Reich fiel auseinander, und die Novemberrevolution erfasste auch das Land an der Saar. Wie vielerorts wurden in Saarbrücken Räte gegründet. Am 10. November 1918, einen Tag vor der Unterzeichnung des Waffenstillstands im französischen Compiègne, veröffentlichte die Saarbrücker Zeitung auf Seite 1 die Bedingungen der Waffenruhe. Direkt daneben standen im „Amtlichen Teil“ die sozialpolitischen Forderungen des Arbeiter- und Soldatenrates in Saarbrücken, der die SZ gezwungen hatte, „die Funktion eines amtlichen Veröffentlichungsblattes zu übernehmen“. Und die sahen zum Beispiel so aus: „Entlassung von Arbeitskräften hat nur mit Zustimmung der Lohnkommission zu geschehen.“ Oder: „Die bisherigen Löhne sind in jedem Falle weiter zu zahlen.“ Und: „Mit Beginn der Demobilisation tritt die achtstündige Arbeitszeit in Kraft.“ An „die gesamte Bevölkerung der Landkreise“ wandte sich der Rat mit folgenden Worten: „Landwirte! Bauern! In erster Linie steht die Versorgung der gesamten Bevölkerung. Im Interesse der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung ordnen wir an, dass alle notwendigen Nahrungsmittel restlos abgeliefert werden. Verstöße werden streng bestraft.“ Es half nicht viel: Der Krieg war aus, doch die Menschen hungerten weiter.