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| 21:30 Uhr

Stadtgeschichte
Der vergessene „Mordbube“ aus Ensheim

Die Kirchenstraße in Ensheim Ende des 19. Jahrhunderts. Dieses Foto ist eines von vielen, die Paul Glass in seinem Buch zeigt.
Die Kirchenstraße in Ensheim Ende des 19. Jahrhunderts. Dieses Foto ist eines von vielen, die Paul Glass in seinem Buch zeigt. FOTO: Nachlass Willi Spick
Ensheim. Der Heimatforscher Paul Glass ist einem spektakulären Verbrechen aus dem Jahr 1846 nachgegangen. Von Martin Rolshausen

Der Mörder singt Lieder aus einem Messbuch. Er lacht. Er isst mit seiner Familie. Er spielt Karten. Er kümmert sich ums Vieh. Alles, was Peter Untersteller an jenem Sonntag tut, wirkt ganz normal. Wie etwas, das ein 15-Jähriger eben so tut. Dass dieser Bube aus „gutem Haus“, wie es später in den Prozessakten heißen wird, längst die Grenze die die Normalität vom Ungeheuerlichen trennt, überschritten hat, ahnen die, die ihm an diesem Tag begegnen, nicht.

Während Peter für sich und die anderen ein ganz gewöhnliches Leben inszeniert, ringt Barbara, sein Opfer, mit dem Tod. Das Mädchen ist nicht ganz vier Jahre alt. Als Mathias Lang die kleine Barbara, sein Patenkind, am späten Nachmittag in einer Scheune unter Heu versteckt findet, lebt sie noch. Sie liegt in ihrem Blut, von Messerstichen schwer verwundet.

Es ist der 13. September 1846. Ensheim hat damals 1274 Einwohner. Die meisten von ihnen verdienen ihren Lebensunterhalt als Dosenmacher Fabrik der Gebrüder Adt oder als Bauern. Ensheim ist zu diesem Zeitpunkt noch Teil der Pfalz und liegt ganz im Westen des Königreichs Bayern. Die Geschichte vom „Meuchelmörder“ Peter Untersteller wird sich schnell im ganzen Königreich verbreiten – und bald in Vergessenheit geraten. Auch in Ensheim.

Selbst Menschen, die sich intensiv mit der Geschichte ihres Heimatdorfes beschäftigen, haben vom Kindermörder nie etwas gehört. „Völlig neu“ sei ihm diese Geschichte gewesen, sagt der Heimatforscher Paul Glass. Er ist durch Zufall auf den Krimi gestoßen, der sich vor 172 Jahren in seinem Geburtsort abgespielt hat. „Natürlich ist diese Geschichte nichts, womit man sich als Familie oder als Dorf schmücken möchte“, sagt er. „Und so hat man wohl damals kollektiv – aber sicher ohne entsprechende Absprache – beschlossen, dieses Ereignis aus der Familien- beziehungsweise Ortsgeschichte auszublenden, als ob es nie vorgefallen wäre“, vermutet er.
Paul Glass hat die Geschichte recherchiert. Die noch vorhandenen Akten, vor allem aber die Prozessberichterstattung ausgewertet und daraus ein Buch gemacht. Begonnen hat die umfangreiche Recherche mit einem Zufall. Um ein übers Internet zugängliches bayerisches Archiv zu testen, hat er den Namen eines Freundes eingegeben: Franz Untersteller.

Franz Untersteller stammt wie Paul Glass aus Ensheim, lebt wie er in Baden-Württemberg und ist dort Umwelt- und Energieminister. Gefunden hat Paul Glass im Archiv aber nicht seinen Freund Franz, sondern Peter Untersteller. „Um sieben Ecken“ sei er mit diesem Peter wohl verwandt, sagt der Minister. Davon, dass sich in Ensheim ein solch gruseliges Verbrechen zugetragen hat, hörte er aber von Paul Glass zum ersten Mal.

Dass das, was sich an jenem 13. September 1846 in Ensheim zugetragen hat und in Zweibrücken vor Gericht erörtert wurde, bis nach München für Entsetzen sorgte, verwundert nicht, wenn man die Prozessberichterstattung liest. Demnach hat Peter Untersteller die kleine Barbara in einer Scheune an den Haken eines Rollseils gehängt. Er hat ihr die Augen verbunden und den Mund verstopft. Dann hat er sie mit einem Messer „förmlich geschlachtet“.

Die Untersuchung, schreibt Paul Glass in seinem Buch, „bringt die Kaltblütigkeit ans Licht, mit der Peter Untersteller das Verbrechen begangen hat und dann vertuschen wollte“. Als die Mutter des Mörders an jenem Sonntag aus der Kirche zurückkommt, findet sie Peter „am Fenster in der Wohnstube in einem Gebetbuche lesend“. „Zwar soll ihm beim Mittagsmahl das Fleisch nicht so recht gemundet haben, aber anschließend besucht Peter – als wäre nichts geschehen – zunächst die Sonntagsschule und hinterher die nachmittägliche Vesper, um danach Vieh von der Weide zu holen“, schreibt Paul Glass.

Andere Jugendliche, die ebenfalls auf der Weide waren, berichteten später, dass Peter „lustig und fröhlich“ gewesen sei. „Er schrie und jauchzte“ und überredete „einen Weidekameraden, mit ihm auf dem Felde Karten zu spielen“, schreibt Paul Glass. Und: „Dann fing er an, aus einem Messbuch zu singen.“

Dem Mord an Barbara, die, bevor sie starb, mehrmals den Namen ihres Mörders nannte, waren grausame Tierquälereien vorausgegangen. Der Junge, den die Mutter verwehrte, Metzger zu werden, hatte zuvor unter anderem einen Hund an den Hinterbeinen aufgehängt, ihn getötet, gehäutet und ausgeweidet. Im Prozess wurde von Peters „Sucht, Tiere zu quälen und zu schinden“, berichtet. Das sei eine regelrechte „Gewohnheit“ gewesen, die von den Eltern „ernstlich abgestraft“ wurde.

Nach dem Tod seines Vaters einige Monate vor dem Mord habe sich Peter Untersteller „zum Ärger älterer Leute“ auch „grob, unartig, streitsüchtig und boshaft“ gegenüber seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder verhalten.

Es sei „offenbar in der Erziehung etwas schiefgelaufen“, schreibt Paul Glass. „Er wurde streng erzogen, und dazu gehörte offenbar auch häusliche, da heißt väterliche Gewalt“, erklärt er. Und aus Opfern von Gewalt würden eben nicht selten dann selbst Gewalttäter.

„Wir wissen aber aus Zeugenaussagen seiner Lehrer und des Pfarrers Schröder, dass der junge Peter alle moralischen Wertvorstellungen, die man ihm in der Schule vermitteln wollte, nicht an- beziehungsweise aufgenommen hat. So konnte und wollte er Gut und Böse wohl nicht voneinander unterscheiden“, schreibt Paul Glass.

Peter Untersteller starb im November 1853 in der Königlichen Besserungsanstalt für jugendliche Straftäter zu Speyer. Unter welchen Umständen er gestorben ist, ob er bereut hat, was er tat, ob er womöglich Selbstmord begangen hat – das bleibt offen. Dazu konnte Paul Glass trotz akribischer Recherche keine Hinweise finden.

Das Buch „Meuchelmörder Peter Untersteller – Ein spektakulärer Mordfall aus Ensheim/Pfalz“ gibt es bei Paul Glass. Er ist zu erreichen unter Fax (0 79 71) 2 33 26 und per E-Mail paul.glass@ensheim-saar.de

Paul Glass
Paul Glass FOTO: Glass
Ensheim mit Pfarrkirche St. Peter 1888.
Ensheim mit Pfarrkirche St. Peter 1888. FOTO: Sammlung Werner Kihm