Ende einer Ära in Saarbrücken: Kultkneipe Fleur de bière im Nauwieser Viertel schließt für immer

Ende einer Ära : Licht in der Kultkneipe ist für immer aus

Fleur de bière im Nauwieser Viertel: Auch die kuriose und zugleich einmalige Deckenlandschaft weicht Haussanierung.

Etwas duster war es immer. Schummriges Ambiente gehörte dazu. Vorteilhaft für jene Gäste, die etwas später am Abend und ob des Konsums diverser alkoholischer Getränke leicht lädiert dazustießen. Obwohl es durchaus einen triftigen Grund gegeben hätte, den Raum mit Licht zu fluten. Denn hier gab es jede Menge zu entdecken.

Und zwar: an der Decke. Über den Kunden der Kultkneipe Fleur de bière erstreckte sich kopfüber eine Landschaft. Von Künstlerhand gestaltet. Grasbedeckte Hügel mit Bäumen, Häusern, Flüsschen und sogar kleinen Seen. Eine grasbedeckte Hügellandschaft. Ansonsten entsprach die Innenausstattung recht rustikal dem Stil einer klassischen Schankwirtschaft. Vom Tresen über die Stehtische bis hin zu den Hockern. Stabil und strapazierfähig.

Als in Lokalen noch gequalmt werden durfte, schwängerten schwere Rauchschwaden die Luft. Bis 2002 schmückten sogar Sessel und Couch den Treffpunkt für Studenten, später mit dem Rauchverbot auch für Schüler und immer schon für jene, die dies irgendwann einmal waren.

Das Ende einer Institution: Wirt Dirk Blank (49) hinter dem Tresen der Kultkneipe Fleur de bière. Sie schloss mit der Silvesterparty. Foto: Matthias Zimmermann

„Dann haben wir es rausrenoviert“, sagt Dirk Blank; die Wohnzimmermöbel wurden hinausgewuchtet. Was jedoch all die Jahre an seinem angestammten Platz blieb: ein schwerer Tischkicker. Dirk: „Der war schon alt, als er hierhingestellt wurde.“

Auch er muss nun weichen. So wie das gesamte Inventar, kündigt der Wirt an. Einige Dinge sind bereits unwiderruflich verschwunden. Der Abriss – er hat begonnen. Und nichts wird zurückkehren, kündigt der 49-Jährige an. Nach 21 Jahren ist das alte Fleur, wie den Laden die meisten verkürzt nannten, ein für alle Mal Geschichte.

Ein Blick zur Decke lohnte sich: Dort hing kopfüber eine Landschaft. Foto: Matthias Zimmermann

Das Aus für die Wirtsstube in dem Bermuda-Dreieck des Nauwieser Viertels, welches vergangenes Jahr wegen des nächtlichen Kneipentourismus’ bei vielen dort lebenden Menschen für mächtig Empörung gesorgt hat, kam nicht überraschend. Blank: „Das ist mir schon seit mehr als drei Jahren bewusst.“ Da habe der Besitzer des Hauses in der Cecilienstraße bereits angekündigt, vom Keller bis zum Dachboden das alte Gemäuer zu sanieren. Stromleitungen, Wasserrohre, alte Klos auf den Gängen kommen raus.

1997 hatte Dirk das Fleur übernommen. „Damals galt noch Sperrstunde“, berichtet der Saarbrücker. Und was zu essen gab’s da auch noch. Doch später verlegten er und sein Team sich auf rein flüssige Nahrung. Dirk wuchs ins Gastronomenmetier hinein. Bereits als Student kellnerte er, kam bald ins Nauwieser Viertel und blieb. Er begann im Fleur-Vorläufer Steckdose. Dabei hatte er das gar nicht vor, war an der Saar-Uni in den Fächern Germanistik und Politikwissenschaft eingeschrieben.

Durch die Nebenjobs wurde nichts aus der akademischen Laufbahn. Stattdessen folgte später ein Abschluss an der Höheren Berufsfachschule für Logistik in Brebach. Und der Entschluss, der Theke treu zu bleiben. Dazu beigetragen habe der Gedanke, womöglich des Berufes wegen das Saarland verlassen zu müssen.

Abschied vom Fleur de Bière

Dirk blieb beim Fleur, stieg 1997 in die Leitung ein: „Mach das mal, bevor du nach Baden-Württemberg musst“, berichtet er von seinen damaligen Gedankengängen und schaut dabei recht schelmisch.

Auch wenn nach 21 Jahren für ihn ein Lebensabschnitt zu Ende geht, weil das Haus kernsaniert wird: Dirk bleibt in seinem Viertel, ist seit einigen Jahren zudem Chef im Lokal Bingert schräg gegenüber, in Sichtweite. Ebenfalls eine Institution mit Kultcharakter. Ein großer Container vor dem Fleur zeugt von der begonnenen Entrümpelung. Teile des Deckenkunstwerks sind bereits ab. Und der Tischkicker kommt „als Dauerleihgabe bei einem Bekannten unter“, sagt Dirk.

Wie lang das Großreinemachen im gesamten Haus dauern wird, weiß er nicht. Geplant ist zumindest, dass nächstes Jahr alles fertig sein soll. Ob er dann zurückkehrt? „Nach bisherigen Plänen ist das vorgesehen. Ich bin erster Ansprechpartner.“ So sei es mit dem Vermieter vereinbart. Und wenn Dirk dann wieder einzieht – bleibt es dann bei dem Namen? „Das ist anzunehmen. Vielleicht dann aber nur noch kurz Fleur.“ Das alte Fleur gehöre auf jeden Fall der Vergangenheit an.

Am letzten regulären Geschäftstag war Dirk nicht dabei. „Das habe ich mir erspart“, begründet er leicht wehmütig. Er war privat unterwegs an Silvester, als Kollegen noch einmal zur Fete luden. Ausgetrunken war Neujahr gegen Mittag. Die Gäste blieben, wollten ihr Fleur nicht hergeben. „Ich bin vorbeigefahren. Da war die Hölle los. Das sah aus, als würden Hunderte davorstehen“, beschreibt Dirk.

Auch wenn es oft bis in die Morgenstunden ging: Eine billige Kaschemme, wo nur von einer langen Nacht Gekennzeichnete vorbeikamen, war das Fleur nicht. Hier trafen Menschen, die mit dem Leben im Viertel gereift waren, auf Besucher, die die Nauwies erst für sich entdeckt hatten. „Die große Beliebtheit hing auch mit meinem guten Team zusammen.“

Ein Abschiedsvideo haben Michael Loch und Hendrik Mertens produziert. Es ist im Internet zu finden. www.saarbruecker-zeitung.de/fleur Außerdem ist die Seite bei Facebook weiterhin aktiv, obwohl das Lokal geschlossen wurde.

www.facebook.com/FleurDeBiere

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